Die Niederschrift der Xellesa Ceos

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    • Die Niederschrift der Xellesa Ceos



      Glisch, in den frühen Abendstunden

      Xellesa Ceos' Stirn liegt seit geraumer Zeit in Falten. Nachdenklich blicken die grauen, ermatteten Augen der Frau auf die regungslose Nhouria hinab, welche vor ihr auf einem massiven Eschenholztisch in einem mit Kaminfeuer erhellten Raum liegt. Die Verletzung auf Nhourias mit ewiger Tinte verzierten Arm ist nicht bedrohlich, jedoch bereitet ihr diese im Zusammenhang mit der Bewusstlosigkeit und den erschreckend weggedrehten Augen große Sorge. Ihr Körper und Herz scheinen für das Empfinden der Medizinerin noch im rechten Takt zu schlagen. Doch ihre Seele wirkt weit, weit weg. Verloren in irgendwelchen finsteren Tiefen, aus denen sich Xellesa seit wenigen Tagen selbst hervorkämpft. Stetig im Kampf zwischen ihrer beider Leben.

      Als Zedith und als Xellesa Ceos.

      Mit einer gewissen inneren Unruhe verschließt die Frau ihre Augen und atmet schwer aus. Krampfhaft hält sie sich an dem Tisch fest, sodass die Knöchel ihrer Hand weiß unter der Haut hervortreten.

      Vor einem Tag fand sie bei einem Spaziergang im Sumpf um Glisch ein Buch, welches wohl seit mehreren Jahren vom morastigen Boden verwahrt wurde. Es schien wie vom Schicksal bestimmt, als sie ihr eigenes Tagebuch mit persönlichen Aufzeichnungen während des Krieges zwischen Calpheon und Heidel 275 a.D. fand. Ein Schicksal in Form alter, vertrauter Seelen - jener verstorbener Kameraden, die einst in der Schlacht ihren Tod fanden oder in Xellesas Händen, als sie vergeblich versuchte ihre Leben zu retten.
      Sie war im Krieg, das weiß sie nun. Es erklärt ihre Narbe auf dem Rücken, auch wenn die Erinnerung, wie es zu dieser kam, noch immer hinter einem Schleier liegt.
      Langsam öffnen sich die grauen Augen wieder und suchen den Raum ab.
      Eine Feder und Papier. Sie muss schreiben. Niederschreiben, was heute geschah. Vielleicht hilft es ihr sich zu erinnern oder zumindest ihre Gedanken zu ordnen.
      In ihr ist immer noch diese eine Seele, welche so an ihr festhielt, ihr Dinge erzählte, sie förmlich dabei anschrie.

      Vor Verzweiflung? Wut? Trauer?

      Xellesa kann immer noch spüren, wie die Präsenz der Seele des alten Mannes in ihrem eigenen Geist mit langen, dünnen Fingern scharrt.
      Mit Feder, Tintenfass und Papier, welche sie in einer Kommode im selbigen Raum findet, setzt sie sich neben der bewusstlosen Nhouria auf einen Stuhl und beginnt zu schreiben, während sie zumindest über den Körper der Frau wachen kann.


      20. Lethemond 283 a.D.

      Zwei Tage sind vergangen, seit wir vor den Toren Glischs in einen Hinterhalt gerieten. Seitdem haben wir 3 Leute unserer gewöhnungsbedürftigen Gruppe verloren.

      Kaytoh, der fremde Mann aus fernen Landen, Yuyuka mit ihrem treuen Tier Inazuma und Nhouria.
      Kaytoh verschwand, wie er gekommen war. Plötzlich und auf leisen Sohlen. Yuyukas Fortgehen jedoch war ein verletzendes Gefühl. Sie richtete sich gegen uns alle. Die Gruppe war bis zuletzt einander fremd und nur die Umstände, verursacht durch Siriaka, führte uns zusammen, doch irgendwie war es auch eine faszinierende Reise. Nicht mehr das Gefühl allein zu sein, verloren in seiner ewigen eigenen Suche nach Antworten.
      Nhouria…unser Gespräch am Vortag des Überfalles. Es bedeutet mir viel. Es war ehrlich und offen. Ganz anders, als wie die Frau, die als missgelaunte Pferdehändlerin zu uns stieß.

      Xellesa hebt kurz den Kopf und sieht hinüber in Nhourias Gesicht, welches immer noch ohne jegliche Regung verbleibt.


      Siriaka ist es zu verdanken, dass wir sie fanden. Das Mädchen quengelte so lange die verbliebenen Gruppenmitglieder an, bis Alierana und Davaab zustimmten, mit ihr nach Nhouria zu suchen.
      Ich schloss mich an… irgendwie musste ich helfen, nach allem,was geschehen ist.
      Also zogen wir los und fanden nach und nach einzelne Spuren in diesem toten Sumpf. Die anderen erwiesen sich als bessere Fährtenleser. Mich lenkten die Seelen ab, welche wispernd und flüsternd um mich herum zogen. Verstorbene… Soldaten, Bauern …Opfer des Krieges und des Sumpfes. Bis plötzlich alle mit einem Schlag verblassten und da diese eine Seele stand.

      Es war anders. Eine schimmernde Silhouette eines älteren, hageren Mannes, mit dünnen langen Haar, welcher mich durchdringend ansah und nicht von meiner Seite wich.
      Immer wieder sagte er mir:

      „Das kann nicht sein! Ich war niemals ungerecht oder gewalttätig! Ich erinnere mich doch an nichts!“

      Trotz meines Versuches, dies zu ignorieren, blieb diese anders wirkende Seele hartnäckig.

      „Ich hab sie doch lieb! Ich hätte ihnen doch niemals weh tun können! Ich erinnere mich einfach nicht, verstehst du?!“

      Eine so hartnäckige Seele habe ich noch nie in den letzten 7 Monaten getroffen. Nicht, seitdem ich als Zedith erwachte. Doch die Seele wich mir nicht von der Seite und wurde immer lauter. Aggressiver. Bedrohlicher.

      „Wie kann ich für etwas verantwortlich sein, an das ich mich nicht erinnere?“

      Es war der Moment, als ich die Fassung verlor, mich nicht zurückhalten konnte. Ich musste diese Seele los werden. Irgendwie. Ich schrie und erschreckte damit Alierana, welche sich um mich bemühte.

      Mich versuchte zu beruhigen. Doch sie konnte mir nicht helfen. Siriaka und Davaab waren zu diesem Zeitpunkt irgendwo hinter uns im Nebel. Wer weiß schon, was sie nun über mich denken. Sie werden meine Schreie gehört haben. Doch es half nichts. Er blieb hartnäckig. Redete immer weiter und weiter. Schrie mich stattdessen an.

      „Wirklich, ich weiß nichts mehr! Ich hab alles vergessen! Glaub mir doch! Ich erinnere mich nicht!“

      „Sie hat mir nicht geglaubt, weißt du?“

      Diese abartige Empörung, sie widerte mich aus einem tiefsten Gefühl an, als hätte ich diese Heuchlerei irgendwann einmal selbst erlebt. Ich versuchte ihm auszuweichen, ging weiter, doch er folgte mir und flirrte wie der Dunst des Nebels um mich herum. Dann folgten die Worte, welche mich erstarren ließen.

      „Du kannst dich nicht erinnern, ich weiß, ich weiß! ...Ich weiß es, ich habe es genauso gemacht!“

      Nichts dergleichen tat ich mit Absicht. Ich brüllte meine Wut dieser verdammten Seele entgegen und endlich, nach qualvollen Minuten seiner Anwesenheit, verblasste dieser Mann und zog fort in die Nebel.
      ...
      Wir fanden Nhouria. Versteckt und verletzt in einer Höhle unweit der Fördermühlen nordöstlich von Glisch. Eine blutbefleckte Klinge lag neben ihr und ihr Arm war verletzt. Ihr Körper war durchsetzt von Nässe, mit völlig weggedrehten Augen und ohne Bewusstsein.
      Ich sah nur die Klinge und befürchtete das Schlimmste.

      Davaab half, trotz seiner Verletzung und schleppte Nhouria zurück nach Glisch, wo ich sie gemeinsam mit Hilfe von Alierana versorgen konnte.

      Alierana… sie half mir, Nhourias Wunden zu versorgen.
      Ich habe auf unserer gemeinsamen Flucht bisher nicht viel über sie erfahren können. Sie kannte sich gut mit der Natur aus. Wusste, welche Beeren und Wurzeln essbar waren und welche nicht. Ich erinnere mich, wie sie beim Überfall auf uns stocksteif vor Furcht war und auf einmal war da... etwas anderes an ihr.

      „Ich verfüge nur über die Kraft des Windes.“

      Dies sagte sie mir, während sie den Arm Nhourias reinigte und mich hilflos ansah, als ich meine Diagnose über den Zustand von Nhouria stellte.
      War es das, was ich aus meiner Deckung hinter der steinernden Mauer sah? Als wie aus dem Nichts einer der Soldaten von den Füßen gerissen wurde, als wäre eine fremde Macht im Spiel?

      Während wir uns um Nhouria kümmerten, sah ich aus den Augenwinkeln, wie Davaab ein scheinbar ernstes Gespräch mit Siriaka führte. Die Kleine hatte wohl wieder etwas in ihrem Besitz, was ihr nicht rechtens gehörte.
      Davaab, der Riese, welcher in mir Freude aber auch Vorsicht auslöst. Zinto respektiert diesen Mann und scheint sich wohl mit ihm auf eine spezielle Art und Weise gut zu verstehen. Das beruhigt mich bis zu einem gewissen Grad. Auch wie sehr er sich um die kleine Siriaka kümmert.

      Wie ein fürsorglicher Vater, der sich um sein Fleisch und Blut kümmert und sorgt.


      Bei diesen Zeilen stockt die Frau für einen Moment, ihr Blick wird fahrig.


      Ich versorgte seine Wunden, für die die Bogenschützen beim Überfall verantwortlich waren. Sein Fleisch scheint stark und er wird sich wohl recht schnell wieder erholen können, solange er den Arm nicht unnötig belastet. Und solange Siriaka nichts von ihm abfordert.

      Ich sehe Siriaka nun mit anderen Augen.
      Als ich ihre Worte hörte, sie habe keine Eltern, sie habe sie verloren, überkam mich ein Gefühl, als würde innerlich mein Herz in tausend Splitter zerbrechen.
      Ich erfuhr durch meine eigene alte Niederschrift, aus meinem anderen Leben, dass ich Mutter bin oder vielleicht sogar war.

      Erijon und Leyla.

      Ich weiß nicht, wie alt sie nun sein mögen oder ob sie den Krieg überstanden haben. Sie befanden sich zuletzt in Heidel… Aber dies war vor 8 Jahren.
      Ob sie noch immer dort sind. Bei meinem Mann?
      Khaled… vor dem ich fortgelaufen bin?

      „Eine kopflose Flucht. Weg von den vergangenen sieben Jahren. Bin ich letztendlich vor mir selbst davon gelaufen?
      Auch wenn ich im Innersten weiß, dass ich diese Entscheidung richtig traf, so rannte ich von meiner Verantwortung gegenüber meiner Kinder und Vertrauten davon. Ich überließ sie den zornigen Händen Khaleds.“

      Seine Sünden sind schwer, erinnere ich mich an meine eigenen niedergeschriebenen Worte.
      Welche Sünden?
      Tief in meinem Innersten fühle ich ein Unbehagen, nahezu einen Groll gegen diesen Namen.

      Khaled.
      Bereits vom ersten Moment an, als Hannah mir diesen Namen nannte.
      Sie und Melvin kennen mich schon lange, wie sie sagten. Sie gehören zur Leibgarde Khaleds aus Heidel. Doch tief in ihren Innersten spürte ich Respekt. Respekt und Achtung vor mir. Ich kann mir bisher nicht erklären was es damit auf sich hat.
      Calpheon…
      Hannah fragte mich ob ich bald zurück nach Calpheon gehen würde. Zurück zu Haus Ceos.
      Was ist dort? Was oder wer erwartet mich dort?

      Ich werde dem bald nachgehen.


      Xellesa Ceos legt die Feder und das beschriebene Papier beiseite und stützt ihren Kopf auf beide Handflächen ab. Salzige Tränen laufen aus ihren Augenwinkeln und tropfen nach und nach auf das Holz der Dielen. Für einen Moment bleibt sie regungslos so zusammengekauert sitzen.

      Nach einer Weile richtet sie ihren Oberkörper auf und sieht mit ihren grauen feuchten Augen zu Nhouria hinüber.


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    • Glisch am nächsten Morgen

      Xellesa Ceos erwacht ruckartig aus ihrem Schlaf. Ihr Herz schlägt stark pochend unter der nackten Brust, welche wie auch ihr gesamter Körper von einem dünnen Schweißfilm benetzt ist. Sie setzt sich auf, orientierend. Die dünne Decke schmiegt sich dabei klebend um ihre Haut. Fahl scheint die Sonne durch die dünnen Nebelschwaden um Glisch herum in das Zimmer und erhellt lediglich die Bereiche um die Fenster, während der Rest des Raumes stellenweise im Schatten liegt.
      Ein ziehender Schmerz lenkt ihre Aufmerksamkeit auf ihren linken Unterarm, welcher mit sauberen Leinen verbunden ist… Nhouria. Sie ist wieder zurück, bei Bewusstsein. Schlafend. Xellesa wird nachher nach ihr sehen.
      Langsam fährt sie sich durch die roten, mittellangen Haare und sucht mit ihren grauen Augen den nebeligen Horizont hinter den Fenstern ab. Aus dem Fenster blickend verweilt sie einen Moment, ehe sie sich aufrichtet und die Decke um ihren nackten Körper schlägt.
      Der Körper der nicht mehr jungen Frau hat sich in den letzten unzähligen Monaten durch die Strapazen, die er als Zedith durchlitten hat, verändert. Sie wirkt dünn, aber nicht schwach. Das Reiten auf ihrem treuen Pferd Bakado brachte ihr eine gute Beinmuskulatur und auch der Rest des Körpers ist strukturiert und fest. Man sieht ihr nicht an, dass sie vor vielen Jahren zwei Kinder gebar. Eine Erkenntnis, der sie, seit sie diesen Eintrag las, innerlich immer wieder mit gemischten Gefühlen entgegen tritt.
      Eingehüllt in die Decke setzt sie sich an den Schreibtisch, welcher im Raum vor einem der Fenster steht und zieht ein leeres Blatt Papier aus einer Schublade hervor. Tinte und Feder stehen bereits auf der Tischoberfläche.


      21. Lethemond 283 a.D.

      Ich erwachte heute morgen schweißnass und mit pochendem Herzen. Ein Alptraum muss mich geplagt haben und ich bin froh, mich nur an graue Schemen erinnern zu können.
      Eine ebene, sandige Fläche. Abgebrochene Speerspitzen und Schwerter ragten aus dem Boden. Ich sah verstreut Körper herumliegen. Mein Blick ging nach oben. Etwas über mir… ausholend… Schreie und Dunkelheit…

      Als wäre der gestrige Abend nicht aufregend genug gewesen... Doch wenigstens geht es nun Nhouria besser. Sie ist wieder bei Bewusstsein.

      Es begann einige Stunden, nachdem die anderen den Raum verließen. Die gleiche Erscheinung wie sie mir im Sumpf begegnete. Der alte Mann... Doch dieses Mal war es anders. Seine Aufmerksamkeit galt Nhouria. Er sprach davon, dass sie sich überschätzt habe und er verlangte von mir, ihr unter jeden Umständen zu helfen. Sie sei etwas Besonderes. Meine Versuche zu ergründen, wer diese Seele nun war, schlugen vorerst fehl. Im Gegenteil, diese Seele verhöhnte mich. Wie konnte ich nicht erkennen, dass Blutmagie der Schlüssel zu diesem Übel war? Ja, ich hatte mich getäuscht und unterstellte Nhouria in meinem medizinischen Eifer, dass sie sich etwas antun wollte. Elion sei Dank, lag ich aber mit meiner Vermutung falsch.

      „Das ist meine Schöpfung. Sie muss leben.“

      „Ich habe sie erschaffen und geformt, zu einer Frau, die aus Magie geboren wird, weit fort von den lächerlichen Einschränkungen, die normale Magie uns auferlegt.“

      Zuerst klang es wie eine ehrliche Sorge, doch dann schwenkte die Stimmung der Seele um. Selbstverherrlichend. Er führte an ihr ein Experiment durch, was Opfer brachte…
      Nhourias Mutter...
      Um etwas Vollkommenes zu schaffen, opferte er das, was er am meisten auf der Welt hätte lieben sollen. Seine Frau und letztendlich auch seine eigene Tochter… Dieser Mann ekelt mich an. Gut, dass er schon lange zu den Verblichenen gehört und nicht mehr unter uns weilt.

      Für Nhouria schnitt ich mir den Arm auf und vollendete das Ritual, um diese Seele wieder in die Vergessenheit zu bannen.
      Nhourias Seele verankerte sich in ihrem sterblichen Körper und erwachte wieder im Diesseits.

      Nicht allzu begeistert, wie mir schien. Sie hat mir die Seele ihres Vaters auf den Hals gehetzt... Ich verstand vorerst nicht warum.

      „Weil ich dir zeigen wollte, wie verlogen du bist.“

      Diese Worte brannten sich in meine Organe. Ich verstand nicht.

      „Kaum haben sie dir gesagt, wer du bist, warst du bereit, eine andere zu werden.“ Ihre Worte waren vorwurfsvoll und voller Bitterkeit.

      Ich verstand nun, wie all die Geschehnisse vor Glisch auf all die anderen gewirkt haben mussten...

      Wir werden von Unbekannten gejagt und auf einmal stehen wir unseren Jägern direkt Auge in Auge gegenüber und es stellt sich heraus, dass ich irgendwie ein Teil dieser Unbekannten bin. Ich passte mich der gegebenen Situation an und versuchte das Beste für die Gruppe heraus zu schlagen und gleichzeitig ergriff ich die Chance herauszufinden, wer ich nun bin.
      War dies verkehrt? Hätte ich anders reagieren sollen? Andernfalls wären wir nun alle tot.

      Ich offerierte Nhouria das, was ich bisher von mir erfuhr...

      Dass ich Kinder habe... im Krieg kämpfte und gar nichts mehr über meine Familie weiß...

      Was sie nun tun... ob sie noch leben…
      Ich suchte mir meinen Weg nicht aus.

      Was auch immer ich damals in der Wüste suchte..

      Wie ich dorthin kam. Das Haus CeosKhaled…Calpheon… es sind Namen.

      Bruchstücke...
      Das erste Mal nach unserem Gespräch, vor dem Angriff bei Glisch, wurde Nhouria sanfter.

      „Ich bin damit aufgewachsen, dass jemand mir permanent erzählte, er wisse nicht, was er getan habe. Bis er dann wieder in seinen Rausch geriet. Bei dir hatte ich zum ersten Mal das Bedürfnis, jemanden…" Sie brach diesen Satz ab, doch ich verstand.

      Ihr Misstrauen kehrte jedoch schnell zurück. Sie zeigte sich in aller Öffentlichkeit als Magiebegabte und vollzog einen Blutmagieritus.

      „Was wirst du jetzt tun? Wegen der… Blutmagie? Was wird diese Xellesa tun, die ich nicht kenne?“

      Was erwartete sie von mir, das ich tun sollte? Was hat diese Frau erlitten?
      Es war mir egal, dass sie magiebegabt war und ein Blutritual ausführte. Es schockierte mich nicht. Obwohl es das hätte tun sollen? ...
      Aber wer bin ich schon, dass ich über sie richten könnte?
      Ich sehe sie als meine Vertraute. Jemand, der mir in all der Dunkelheit um mich herum etwas Licht spendet.
      Jemand, der nicht das sein möchte, was die Vergangenheit für ihn vorgesehen hatte... im Gegensatz zu mir.

      Ich will wissen, wer ich in der Vergangenheit war...

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    • Ankunft im Hause Ceos

      Die Kerzen brannten in Xellesas Räumlichkeiten noch bis spät in die Nachtstunden hinein. Konnte man doch annehmen, dass sich die Frau ausgiebig ihre Räume ansah, nachdem sie seit über ein halbes Jahr im Dunklen gelegen haben und sich der Mantel der Zeit in Form des Staubes auf alles niederlegte.

      Der Morgen ist angebrochen und allmählich dringen die Sonnenstrahlen durch die Ritzen des Holzes der verschlossenen Fensterläden. Xellesa liegt schlafend vornüber gebeugt auf ihrem Schreibtisch. Unter ihrer Wange liegt ein beschriebenes Blatt Papier. Sie musste ihre Sinneseindrücke und Erfahrungen niederschreiben. Sich sortieren, Erkenntnisse herausfiltern.

      Langsam erwacht die Frau aus ihrem tiefen Schlaf. Sie fasst sich stöhnend an den Kopf. Die Schlafhaltung sorgte bei ihr über Nacht für unangenehme Kopfschmerzen. Xellesa schaut auf das Papier hinab und streicht für einen Moment über ihre eigenen niedergeschriebenen Worte.



      22. Eismond 284

      Es fühlt sich so fremd an und sogleich vertraut. Ich konnte spüren, dass Erjion und Leyla mein eigen Fleisch und Blut sind. Der Instinkt der Mutter in mir kroch aus dem Dunstkreis hervor und legte sich an die Oberfläche. Warum jedoch erinnere ich mich nicht an Einzelheiten ihres Lebens? War es wie in meiner eigenen Niederschrift? Rannte ich vor meiner Verantwortung davon, bevor ich sie aufwachsen sah? Warum bin ich in den Krieg gezogen? Was veranlasste mich dazu, diese beiden wunderbaren Kinder alleine zu lassen? Ich hoffe, dass ich mit meiner Anwesenheit hier im Haus Ceos Antworten finde. Auch wenn mich diese erschrecken könnten…

      Hätten mir Rana und Nhouria helfen können? Bei Elion, ich hoffe, dass es ihnen gut geht. Wären die Wachen des Hauses nicht gewesen…wer weiß, ob ich noch atmen würde. Ich muss mich jemandem anvertrauen. Es darf ihnen nichts passieren.

      Aegaria

      Von allen Anwesenden - Tsatsuka, Mendred, Khaled, Erjion und Leyla…von allen Anwesenden lichtete sich der Schleier um sie herum am klarsten. Mein Gefühl wusste es. Auch sie ist in der Lage, Dinge hinter den Schatten zu sehen…
      Zumindest in dieser Hinsicht bin ich mir sicher. Sie wird mir helfen können, Licht in die Dunkelheit zu bringen.

      „Versuche es mit deinen Kindern.“

      Das werde ich versuchen. Doch da war noch etwas anderes.

      „Ich fürchte, du hast auch einige schreckliche Dinge getan, von denen ich lange nichts wusste…“

      Diese Worte beunruhigten mich. Was meinte sie damit? Schnell schossen mir meine eigenen, vor 8 Jahren geschriebenen Worte in den Kopf.

      „Letztendlich wurde ich durch all dies selbst zu etwas Verabscheuungswürdigem.“

      War es etwas, was ich im Krieg tat? Oder danach? Was war es, das meine Sünden, die meines Mannes…meines Ex-Mannes, übertrafen? Was waren seine Sünden?
      Ich zittere innerlich. Welche Abgründe meiner Selbst erwarten mich?

      Aegaria erwähnte Khaled gegenüber ein Tagebuch. Ich sollte ihn vielleicht darauf ansprechen. Khaled… Mein Ex-Mann…

      „Vieles ist in der Vergangenheit geschehen…was nicht zu entschuldigen oder rückgängig zu machen ist.“

      Sind dies die von mir beschriebenen Sünden?

      Xellesa wird für mich immer meine Ehefrau sein.“

      Verdammt… warum nur erinnere ich mich nicht?! Dieser Mann, für mich so fremd, so weit entfernt…er war umsorgend. Mitfühlend. Auch wenn mich Nhourias Ohrfeige Stunden zuvor etwas anderes fühlen ließ. Doch konnte sich meine Erinnerung auch trüben.
      Ich werde zuerst mit ihm sprechen. Und vermutlich die folgenden Tage viel Zeit mit meinen Kindern verbringen. Vermutlich haben sie mir viel zu erzählen…

      Oh Gott ...Erjion….Leyla… sie pressten sich so sehr an mich, als fürchteten sie, dass ich auf der Stelle verschwinden könnte.

      „Können wir wieder eine Familie sein?“

      „Mama ist jetzt wieder hier…das ist doch so etwas wie ein Neuanfang, oder?“

      Ich werde mich bemühen, meine Liebsten…



      Xellesa reibt sich über die Wangen und spürt die darauf vertrockneten Tränen, welche ihr am Abend zuvor bei dem Verfassen dieser Niederschrift über das Gesicht rannen.

      Langsam schiebt sie den Stuhl nach hinten und richtet sich auf. Sie öffnet ein Fenster und die davor geschlossenen Holzläden. Das Sonnenlicht durchflutet ihren Schlafbereich. Die grauen Augen wandern durch das Kapellenviertel und dem darauf gelegenen Gelände des Hauses Ceos. Sie wendet sich von dem für ihre Kopfschmerzen allzu grelles Licht ab und beginnt sich an einer Schüssel mit frischem Wasser zu waschen. Dies schien man gestern schon bei ihrer Ankunft vorbereitet zu haben.

      Als sie sich mit massierenden Fingern auf ihren Schläfen an den Spiegeltisch setzt und ihr Abbild darin betrachten möchte, zuckt sie zusammen.

      Diese Frau, die ihr darin boshaft entgegen grinst, ist nicht sie selbst, aber irgendwie doch. Dunkle, markante Lidstriche zieren die grauen Augen, welche durch die spürbare Kälte das warme Blut in den Adern gefrieren lassen. Die Lippen mit einem sehr dunklen Rotton geschminkt, verzogen zu eben diesem boshaften Lächeln. Diese Frau entspricht dem vollkommenen Gegenteil der Xellesa, die vor dem Spiegel sitzt.

      Doch die Stimme, sie ist es, aber wie kann dies sein?

      Süßlich und doch fordernd.

      ~ Darling, nun seh mich einer an. So trostlos, nichtssagend und so ratlos. Es würde mich wahrhaftig amüsieren, doch stecke ich selbst in meinem unwissenden Körper. Jedoch wird sich dies bald wieder ändern.
      Brennt sie? Die Narbe?
      Oh Xellesa, erinner dich. Erinner dich an Atun Urnak… Beeile dich. Sammle Informationen, törichtes Ding. Und hole mich...hole uns wieder zurück. ~

      Xellesa springt von dem Tisch auf. Doch sofort ist dieses groteske Abbild ihrer selbst fort und nur ihr eigenes erschrockenes Antlitz spiegelt sich in der Oberfläche.
      Das muss der Stress sein, mahnt sie sich innerlich zur Vernunft. Und ignoriert das Pochen ihres Schädels, was langsam die Wirbelsäule hinabwandert und sich in Form eines heißen, quälenden Pulsierens auf ihre Narbe legt.

      Vor der Haustür hört sie Geräusche und Stimmen.

      Scheinbar redet die von Mendred abgestellte Wache mit jemandem. Xellesa streift sich schnell frische Kleidung über und geht hinunter, um sich selbst ein Bild von der Unruhe zu machen. Als sie die schwere Eichentür im Erdgeschoss öffnet, erblickt sie Khaled und seinen Kammerdiener Nasir. Nasir befindet sich hinter Khaled und trägt ein Tablett mit zwei Tassen und einer Kanne dampfenden Inhaltes. Währenddessen scheint Khaled selbst mit dem Soldaten vor der Tür zu diskutieren.

      Sein Erscheinen ist wie die Fügung des Schicksals.

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    • Gedanken
      25. Eismond 284

      Ich lehne nachdenklich am hölzernen Fensterrahmen und blicke hinaus in die Morgendämmerung. Die Luft in meinem Schlafgemach hängt noch schwer im Raum. Zeuge der vielen vergangenen Stunden, besser gesagt Nächte. Es sind nun einige Tage seit meiner Ankunft im Hause Ceos vergangen. Und es ist viel passiert.

      Nun stehe ich hier, nach Monaten meines Verschwindens und versuche meine Gedanken zu sortieren. Meine Eindrücke und meine „neuen“ Erfahrungen zu ordnen. Der Druck durch die Last in meinem Kopf ist dem Zerbersten nahe. Ich sollte dies niederschreiben… nachher.

      Ich blicke zurück zu den zerwühlten Laken meines Bettes. Khaled ist vor wenigen Minuten aufgebrochen. Er sagte, er habe noch etwas Geschäftliches zu regeln.

      Khaled, mein geschiedener Ehemann, Vater meines Sohnes Erijon und meiner Tochter Leyla.
      Er war aufrichtig zu mir. Sagte mir die ungeschönte Wahrheit über seine, aber auch über meine Sünden. Meine Gedanken kreisen immer noch um seine Worte.

      „Ich werde nicht zulassen, dass irgendwer unsere Familie wieder auseinander reißt. Du wirst immer meine Frau bleiben. Egal, ob wir auf dem Papier geschieden sind. Egal, was du getan hast. Und auch wenn es unverzeihlich ist, was ich dir damals angetan habe…ich werde alles versuchen, damit es dir gut geht. Und jeden aus dem Weg räumen, der dir oder unserem Fleisch und Blut etwas antun will.“ (Khaled)

      Seine Stimme. So ruhig und anmutig. Als er vor mir stand und ich in seine blauen Augen blickte, fühlte ich ein wohlvertrautes … altes Gefühl in mir.

      „Ich war dir kein guter Ehemann. Ich habe dich schlecht behandelt… bis du es nicht mehr ausgehalten hast. Du hast mich verlassen, weil ich dir keine andere Wahl ließ.“ (Khaled)

      Er bedauerte seine Taten. Nichtigkeiten gegen meine Sünden. Und er war bereit…Nein, er verzieh sie mir.
      Sein Betrug und seine Sünden mir gegenüber. Sie mussten damals so schwer auf mir gelegen haben. Ich floh... konnte es nicht mehr ertragen…wollte mich ablenken, etwas Richtiges tun. Doch es riss mich umso mehr ins Verderben. Der Krieg… die Toten… die Pest…
      Als mir Khaled mein Tagebuch überreichte, wäre ich an meinen eigenen Worten innerlich zerbrochen. Doch er fing mich schützend auf.
      Meine Experimente …Was habe ich nur getan? Geblendet vom Wahn etwas Gutes für diese Welt zu vollbringen. Meine Niederschrift beschrieb mir ganz genau, wann ich meinen Verstand verloren haben musste…oder war ich im Vollbesitz meiner Kräfte?

      Ich will mich erinnern können..

      „Du warst im Aakmantempel. Anscheinend haben du und deine Männer davor ein Blutbad angerichtet...“ (Mendred)

      Mein Kopf dröhnt. Es fühlt sich an wie tausende Pferdehufen auf meiner Schädeldecke.
      Ich muss mich setzen und blicke in den Spiegel vor mir. Da ist sie wieder...ich...und irgendwie doch nicht. Mein Spiegelbild grinst mich einfach nur schweigend an. Boshaft, herausfordernd. Ist es mein Abbild meiner Vergangenheit?

      „Atun Urnak“

      Zu jeder Gelegenheit flüsterte mir mein verzerrtes Spiegelbild diesen Namen zu.

      Ich wende mich von dem Spiegel ab und lenke meine Gedanken um. Zu meinen Kindern.

      „Du wirst unsere Kinder nicht wieder verlieren.“ (Khaled)

      Sie dürfen niemals die Wahrheit über mich erfahren. Dann würde ich das einzige, nebst Khaled, auf der Welt verlieren, was mir in diesen Zeiten noch Halt gibt. Ich liebe meine Kinder, das ist mir zutiefst bewusst. Der mütterliche Instinkt ist ungebrochen. Umso besorgter bin ich um die beiden.
      Leyla und Erijon haben einen unstillbaren Durst auf Wissen und sie halten zueinander, was bemerkenswert für Geschwister ist. Ich glaube, dass mein Verschwinden etwas damit zu tun haben wird. Ihnen fehlte eine Mutter und in Ermangelung dessen hatten sie neben ihrem Vater nur sich beide. Mein Verschwinden war ein Fehler, den ich wieder gut machen will. Ich verbrachte in den letzten Tagen viele Stunden mit ihnen.

      „…ich will alles wissen, je mehr man weiß, desto mehr kann man erreichen…“ (Leyla)

      Leyla ist ein Freigeist. Sie liebt ihre Freiheit und das zu tun, was sie möchte. Sie liest viel, ist geschickt in Malerei und will die Kunst der Klingenführung lernen. Wüsste sie um die Tücken einer Schlacht oder eines richtigen Kampfes, dann wäre sie diesem Vorhaben vielleicht abgeneigt… Doch innerlich zerrt es an mir. Die Narbe auf meinen Rücken…vielleicht kann es nicht schaden, dass sie die Kunst der Verteidigung erlernt.

      „Ich werde trotzdem nicht einfach nur jemand zum Verheiraten sein. Ich will stark sein.“ (Leyla)

      Doch ihre unbeschwerten Momente scheinen knapp zu werden. Sie sprach davon, dass meine Schwägerin und ihr künftiger Gatte nach einem Gemahl für meine Tochter suchen. Eine Aufgabe, der ich mich annehmen sollte. Vielleicht vermag ich ihr etwas Zeit zu verschaffen.

      Zeit…etwas Kostbares für meinen kleinen Erijon. Er ist krank, auch dies wusste mein verschleierter Verstand. So konnte ich ihm zumindest etwas Linderung verschaffen, als er neulich einem Anfall erlag. Elion sei Dank, dass der Garten des Anwesens über winterharte Kräuter verfügt. Ich werde mich nun an seine Medizin setzen. Gestern fand ich meine Notizen zu Erijons Medikation. Doch wurde die ursprüngliche Variante des Medikamentes nie während meiner Abwesenheit angeglichen. Es ist ein Wunder, dass er es bis hierhin überlebt hat. Hätte ich doch trotz meines Fortbleibens weiter für seine richtige Medikation sorgen sollen.
      Und zu allem Überfluss werden all seine Mühen gestraft. All die Jahre, die Erijon geopfert hatte, um dem Anspruch eines Grafen gerecht zu werden… sein Training… seine Studien… der vielfältige Unterricht…
      Zunichte gemacht…

      „ …und all die Jahre habe ich mich so angestrengt, um Vater und dich stolz zu machen. Ich wollte euch und Großvater nicht enttäuschen…“ (Erijon)

      Mendred… einst ein Diener des Hauses und nun der legitimierte Bastardsohn des alten Grafen. Nach dem alten Grafen ist nun Mendred als sein Nachfolger vorgesehen und entband Erijon mehr oder minder seiner „Bürde“.

      „...ich bin nichts mehr wert…“ (Erijon)

      Es schmerzt mich, mein Kind so leiden zu sehen. Es war deutlich in seinen Augen. Der Glanz der Frustration und Enttäuschung. Ich will ihm helfen und das werde ich auch, mit all meinen mir zur Verfügung stehenden Kräften.
      Wie Khaled es sagte, sie werden versuchen, meine Gedanken zu vergiften. Mich gegen meine Familie hetzen. Doch werde ich mir weiter anhören, was sie mir zu sagen haben. Ich muss jede Kleinigkeit aufnehmen. Mendred bestätigte mir, was Khaled mir an dem einen Morgen erzählte. Er sagte jedoch auch, dass Khaled wiederum meine Entscheidungen beeinflussen könnte. Aus Hass. Die Angelegenheit um die Nachfolge des Grafen ist selbsterklärend…

      Ich kann kaum mehr einen klaren Gedanken fassen. So sehr hämmert der Schmerz in meinem Schädel. Doch eines gibt es noch zu tun. Meine Hand streicht über meinen Bauch. Ich habe eine Verpflichtung meinen Kindern gegenüber. Ich sollte nicht weitere in die Welt setzen. Ein regelmäßig zubereiteter Sud aus Finger- und Eisenhut wird dem vorbeugen.

      Vorsichtig massiere ich meine Schläfen mit meinen Fingern. Bald sollte ich Rana aufsuchen.

      Und dann ist da noch meine mysteriöse „Verfolgerin“, welche mich von einem angeblichen Fluch heilen will, wie mir Mendred sagte. Was für einen Fluch kann ich schon in mir tragen?
      Ich glaube, dass die Person, die mir aus der Wüste hierher nach Calpheon gefolgt ist, mich für meine Taten vor dem Aakmantempel zur Rechenschaft ziehen will. Vielleicht sollte ich mit Khaled über diese Person reden. Oder mir selbst einen Eindruck verschaffen. Doch nicht jetzt. Es gibt noch so viel zu tun.

      Zuerst schreibe ich meine Gedanken nieder…



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    • FSK16


      Ich
      Hornung 284,
      Feste Trina in der Nacht

      Was ist das? Dieser Geruch? Fremd, unangenehm, schäbig...
      Meine Augen blicken in undurchdringbare Finsternis und doch zeichnen sich quälend langsam fadenartige, spärliche Konturen ab. Ein Tisch...Schränke...Betten...wo bin ich?
      Ich spüre etwas Weiches unter mir, doch nur schwerlich kann ich meine Glieder fühlen, gar heben. Es fühlt sich befremdlich an. Als wäre ich da und doch sehr weit weg.
      Meine Aufmerksamkeit wird augenblicklich umgelenkt. Ich höre Geräusche. Ein Säuseln, wie das eines Blasebalgs, das Luft in sich saugt und nur wenig später kraftvoll auspustet. Jemand atmet. Ich richte meine Augen auf einen großen, unförmigen, dunklen Brocken. Vor mir liegt ein Körper, lebendig und warm. Meine Sinne sind gespannt wie die Sehne eines Bogens.
      Ein taubes Kribbeln weitab in den Spitzen meiner Finger deutet mir an, dass ich einen Körper habe. Verrenkt, wie es mir scheint, nachdem sich das Kribbeln nun auch fühlbar kriechend auf den Rest meiner Glieder ausbreitet. Mein Kopf ist so schwer und unbeweglich. Zögerlich und mit der Filigranität eines Welpen tasten meine Handflächen auf dem Körper vor mir herum. Ich spüre eine nackte Oberfläche, Abdomen, Pectoralis und ein Verband...?
      Nun spüre ich auch den lähmenden Schmerz in meinem Nacken, welcher langsam in meine taube Wange kriecht. Ich bin an einem Bett eingeschlafen. Nun kommt doch Leben in meinen Körper. Langsam richte ich mich auf. Das taube Gefühl aus meinen Knochen verscheuchend. Mein Verstand lichtet sich und der Dunst verflüchtigt sich. Meine Augen weiten sich...

      Ist es wahr? Oder ist es einer dieser Träume, in denen ich dem Schein immer wieder zum Opfer falle?

      Nein! Das ist anders!

      Endlich!!! Endlich habe ICH die Kontrolle!!!

      Die Konturen des Raumes werden schärfer und schärfer. Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen sehe ich zu dir... mein Sohn. Erijon. Ich bin es. Deine Mutter. Deine wahre Mutter. Nicht der verblasste Spiegel meiner selbst. Und doch spüre ich sie. Diese Frau, die an meiner statt in der Wüste erwachte. Überlebte. Kämpfte und bis hierhin kam. Unwissend. Naiv...und noch so vieles mehr.
      Meine Lippen verziehen sich angewidert. Was hat sich mein schwaches ICH nur gedacht? Nichts!
      Doch warst DU klug genug meinen Rat zu befolgen. Auch wenn DICH der Name Atun Urnak im Ungewissen ließ.
      Mir genügte die Antwort dieser...Valencianerin...gute Muskulatur...robuster Körperbau...ein zähes Wesen...
      Doch Moment, ich darf jetzt keinen Gedanken an meine Arbeit verschwenden. Noch nicht. Meine Zeit wird kurz sein, dies spüre ich. Ich weiß, dass DU bald an der Oberfläche scharren wirst. Bettelnd, aber kämpfend. DU tätest besser daran, unten zu bleiben. So, wie DU es bei Khaled tust..innerlich krampft es in mir, allein bei dem Gedanken daran.
      Aber durch DICH habe ich nun etwas Bedeutendes gewonnen.
      Khaled...du verfluchter...meine Gedanken springen hin und her. Zwischen Verlangen und Hass.

      Ich blicke mich suchend um. Natürlich bist du nicht hier. Nicht bei Mendred, Parseval und den anderen seiner Männer. Die grinsende Fratze auf meinem Gesicht, wie ebenso die Gedanken, werden von der mich umgebenden Dunkelheit geschluckt.
      Mein Sohn, ruhe dich aus. Du hast es verdient... Du hast so Vieles verdient...ich werde dich von nun an leiten. Dir eine gute Mutter sein.
      Bedacht beuge ich mich hinunter, fahre dir mit meiner Hand durch das Gesicht und küsse dich sanft auf die Stirn, ehe ich mich leise aus dem Zimmer schleiche.

      Um dich zu finden.

      Das unverwechselbare Schnarchen lässt mich einige Türen weiter zu dir finden. Leise schleiche ich mich in das Zimmer und verharre für Augenblicke, um meine Augen an die neue Umgebung zu gewöhnen.

      Da liegst du. Ausgebreitet auf dem Bett. Die Arme sorglos von dir gestreckt, als könne dir niemand etwas antun. Arrogant wie eh und je.

      Und im völligen Ungewissen.

      Du hast mir ungewollt deine Schwäche verraten. Diese unglaubliche, beinahe schon fanatische Besessenheit, meinen Geist und meinen Körper besitzen zu wollen. Es erheitert mich anzunehmen, dass die Scheidung dich erst tiefer in diesen Wahn trieb.

      Ich wende mich einem Stuhl im Raum zu und streife mir langsam die Kleidung vom Leib. Deine Fleischeslust war vor vielen Jahren schon das erste Zeichen deines kommenden Unterganges und meines „Erwachens“. Ich habe es eigentlich erst dir zu verdanken, zu wem ich wurde. Was ich tat. Und warum ich es tat.

      Entblößt stehe ich neben dem Bett und lasse meine Augen über die unter dem Laken hervorgehobenen Konturen deines Körpers gleiten. Du schläfst ruhig, nur gelegentlich begleitet von diesen aufreibenden, kratzenden Atemgeräuschen. Wie...unangenehm.

      Ich ziehe das Laken an deinem Körper hinab und entblöße dich vollends. Wie angreifbar du doch bist. Verwundbar. Schwach. Es wäre ein Leichtes, dir jetzt ein Ende zu bereiten, qualvoll, erniedrigend, befriedigend...doch dann würde ich mir selbst meinen Triumph rauben.

      Und „noch“ hast du etwas... Stimulierendes, Erfrischendes an dir. Ich hasse dich und doch zieht es etwas in meinem Inneren an dich. Nicht mein schwaches, erbärmliches ICH. Nein, etwas von weit tief unten. Weitaus boshafter, als du es dir jemals erträumen könntest.

      Sanft und genussvoll setze ich mich auf deine Lenden. Aufnehmend. Spürend, bis in jeden sinnlichen Winkel meines Körpers.
      Deine Reaktion bleibt mir nicht verborgen. Die Lider flackern und mit einem merkwürdigem Ausdruck in deinen Augen blickst du mich an. Ich spüre deine anfängliche Irritation, sie erregt mich und ein Seufzen der Lust überkommt mich. Deine Hände greifen fasziniert an meine Hüften. Einstimmend. Auf das der Tanz beginne.

      Oh Khaled... Geliebter... Gehasster...Genieße es, solange du noch kannst.

      Denn was du nicht siehst, sehe ich klar und deutlich. Und während ich auf dir sitze, sanft und doch fordernd, so stehen drei bleiche Gestalten um uns. Beobachtend und auf ewig schweigend gestraft. Doch während mich die Lust zerfließen lässt und mich meiner Sinne beraubt, deuten drei kahle, eisige Finger auf dich. Die toten, dunklen Augen voller Missgunst und Verachtung.

      Geliebter...die Todgeweihten grüßen dich.

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    • FSK16

      Ein Neubeginn
      Lenzmond 284
      Auf dem Balkon von Xellesa Ceos Räumlichkeiten im Anwesen der Familie Ceos in Calpheon

      Schwer hängen meine zerstörerischen Gedanken über meinem Kopf, wie eben jene düsteren Gewitterwolken welche zur nächtlichen Stund über das Land von Westen her aufziehen. Mein Blick von weit oben in jener schicksalsträchtigen Stadt, die schon oft über Freud und Leid entschied, ist quer über die Dächer Calpheons starr auf einen grell aufflackernden Lichtschein direkt am Demi gerichtet. Zügellose Flammen verrichten dort ihr Werk.
      Ich labe mich an jeder einzelnen hervorquellenden Feuersbrunst, welche aus dem Hause im Armenviertel schlägt und sich lechzend vor Hunger dem Himmel entgegen aufbäumt. Ein Anblick der mir tief im Inneren wahre Freude beschert. Denn was dort hilflos den Flammen zum Opfer fällt, ist nichts anderes als mein Labor.
      Ein Ort meiner erbarmungslosen, blutigen Forschung, den ich nach meiner Ankunft in Calpheon mein eigen nannte. Fernab schwerfälliger Gedanken über den jüngsten Krieg und meinem längst vergangenen Schicksal einer törrichten Frau, welche dachte sie hätte einst das wahre Glück in ihrem Leben in Heidel gefunden.

      Die Familie Ceos nahm mich damals, von Mann und Krieg gebeutelt, hier in der großen Stadt mit ausgebreiteten Armen schützend auf und unterstützte mich gut mit Silber und anderen Annehmlichkeiten. Doch wusste ich auch das diese Art des Zusammenlebens irgendwann ein Ende finden würde. Und jener Schlussstrich ging mit den bedeutungsvollen Ereignissen der letzten Wochen und Tage nach meiner Rückkehr aus dem Sumpf des Vergessens einher.

      Der alte Graf Phineas Ceos konnte wie auch mein einstiger Gemahl seine Triebe nicht im Zaun halten und musste sich vor Jahren zum Übel meines Sohnes in Form einer aufkeimenden Saat in einer Hausdienerin verewigen. Bis auf den Umstand der erfolgreichen Zeugung steht der Apfel dem Baum in nichts nach. Und bald erfolgt die glückliche Hochzeit zwischen der einstigen Witwe Tsatsuka und dem Bastartdsohn Mendred.
      Bedauerlich das sich das Glück der beiden zu meinem Nachteil herausstellte. Was sage ich. Für mich ist ein Umstand von trivialer Bedeutung, zuindest was dies meine Ziele angeht. Doch die einst geebnete Zukunft meines Sohnes Erijon ist damit zunichte gemacht worden. Nicht das dies bereits reichen würde, nein er wurde auch noch ein Opfer von Missgunst in Form eines beauftragten Angriffes. Sollte ich jemals herausfinden wer dahinter steckt, so werde ich mein Skalpell mit stumpfer Klinge durch das Fleisch dieser Person reißen.

      Ich atme mit einem leisen, genervten Stöhnen aus. Die Gefühle einer Mutter können so erschwerend und ablenkend sein. Ich lass meinen Gedanken freien Lauf und begebe mich in meinen Erinnerungen zur vergangenen Nacht. Die Stunden meines Triumphes, welcher noch mit süßlichem Geschmack auf meinen Lippen haftet.
      Noch sehe ich sie deutlich vor mir. Seine kalten, blauen Augen. Gefüllt mit Zorn, Überraschung und sinnlicher Lust. Das Gefühl seiner schweren, zupackenden Hand auf meiner Kehle lässt mich wohlig erschaudern. Noch etwas mehr Druck und er hätte mich zur ewig andauernden Dunkelheit gebettet. Doch wie ich es mir dachte, hätte er es niemals mit seinem kindlichen, besitzergreifenden Intellekt zustande gebracht mich zu töten. Welch Narr.
      Man könnte es nun Ironie des Schicksals nennen, dass ausgerechnet er die Früchte meiner Arbeit voran treiben wird. Auch wenn er meine sogenannten "armseligen Doktorspielchen" nicht ernst nimmt, so möchte er doch nicht die wohltuende, lindernde Medizin gegen seine Migräne missen.
      Eine Medizin deren Zusammensetzung Geduld und viel Aufmerksamkeit erfordert. Ein Tropfen hiervon zuviel und davon zu wenig können statt der wohltuenden Linderung unsagbare Schmerzen auslösen.

      Und so war sein Leib über mir. Zornig aber entblöst. Wütend und doch mit seinem Schwanz in der Hand, als ich ihm meinen zurückgefundenen Geist offenbarte und ihn mit seinem heuchlerichen Schauspiel konfrontierte. Daraufhin quollen jämmerliche Schuldzuweisungen aus seinem Mund.

      "Du hast es gewagt mich und unsere Kinder zu verlassen und wofür?..." (Khaled)

      "...Du bist der Grund, warum ich den Grafentitel verlor, du eifersüchtiges, törichtes Weib, das es nicht ertragen konnte, dass sie nie genügte, um meinen Hunger zu stillen..." (Khaled)

      Der Versuch mir jegliche Schuld an seinem Unglück zuzuweisen prallte an meinem Lächeln ab.Was interessierte mich sein Leid. Amüsiert erinnerte ich ihn daran, welches jämmerliches Abbild eines Mannes er doch war, welcher vor seiner eigenen Mutter, einer Frau, in die Knie gezwungen wurde und mich nach seinen eigenen Worten als Werkzeug zur Machtdemonstration ehelichte.

      Ehe...ich lache auf.

      Nach seinem zahnlosen Gebrüll folgte ein Handel. Die reinste Farce, denn ich wusste bereits was ich ihm bieten musste um meine eigenen Ziele zu erfüllen. Khaled ist nach wie vor besessen von mir. Erst recht als ich es damals wagte ihm die Stirn zu bieten. Und dann erst die Scheidung. Seine Frustration saß so tief, dass er nie von mir ablassen konnte und mich selbst dann suchen ließ, als ich in der Wüste nach einer Expedition verschollen war. Die Begierde mich mit Leib und Geist zu besitzen ließ er mich mit jedem Stoß spühren, seit ich vor Monaten mit vergessenen Erinnerungen vor den Toren Calpheons wieder auftauchte. Khaled wollte mich zurück und was konnte für ihn noch befriedigender sein als mich in die Knie durch eine erneute Ehe mit ihm zu zwingen.
      Ich lies es ihn selbst ausprechen, damit er wenigstens das dümmliche Gefühl hatte, es wäre seine Idee und somit sein eigener Triumph über mich.
      Und so forderte ich mein Tagebuch aus dem Labor ein, welches soeben den gefräßigen Flammen zum Opfer fällt. Meine wichtigsten Notizen in diesem Buch befinden sich nach wie vor in seinem Besitz und sollten den Weg zurück in meine Hände finden. Denn gerade in seinen ungeeigneten Pranken könnte das Buch die gesamte Familie Ceos vernichten.
      Doch will ich auch meine Forschungen weiterverfolgen und zu diesen Zwecken auch weitere nötige Expeditionen in weit entlegene Gefilde unternehmen.
      Mein Forderungen erfüllten ihren Zweck und sein amüsiertes Lachen ließen mich bereits das Erwartete erahnen und so lauschte ich ruhig den seinigen Vorderungen.

      "Erstens: du willigst in unsere Wiedervermählung ein. Unsere Kinder wünschen sich eine intakte Familie und dazu gehört es, dass ihre Mutter und ihr Vater wieder vor Elion und dem Gesetz Mann und Weib sind. Zweitens: Du und die Kinder, ihr kehrt zu mir nach Heidel zurück. Ich will euch in meiner Nähe wissen und dafür soll es euch an nichts mangeln...
      Drittens: Das Tagebuch bleibt in unserem Anwesen. Es wird dir stetig zugänglich sein, aber du wirst es nicht hinausbringen dürfen. Ich gestatte dir, das Anwesen und Heidel zu verlassen – in Begleitung eines Gardisten, versteht sich...
      Du gehörst mir, Xellesa, ob du willst oder nicht." (Khaled)

      Er scheint nicht gänzlich dümmlich zu sein, was zumindest mein Tagebuch angeht. Er ist wissend um die Macht in seinen Händen. Ein gefährliches Wissen, um das ich mich jedoch mit viel Geduld und bei der richtigen Gelegenheit kümmern werde. Die ausgesprochene Tatsache erneut die Frau und das Werkzeug an seiner Seite zu werden... ein Opfer was mich zu früheren Zeiten in den Wahnsinn getrieben hätte. Doch heute ist es ein geplantes Kalkül zum Nutzen meiner Forschungszwecke. Mein Plan ging also äußerst zufriedenstellend auf.
      Ich gebe ihm ein Stück Kontrolle über mein Leben und lasse ihn glauben er würde mich vollständig besitzen. Die unsichtbaren Ketten an meinem Leib sind jedoch weitreichend und geben mir so unsagbar viele Möglichkeiten meine eigenen Ziele zu verfolgen.


      Meine Hände liegen locker auf dem kalten Stein der Balustrade. Ich schließe für einen Moment lustvoll die Augen, als ich mir das Gefühl seiner anregenden und ausfüllenden Härte zurück in Erinnerung rufe. Diese hungrige Wollust ist neben seiner gefüllten Silberkammer einer der wenigen angenehmen Vorteile die er für mich doch noch hat. Es ist schon seltsam wieviel mehr fleischliche Lust ich für ihn empfinden kann, als ich es früher jemals tat.
      Noch erregender war für mich jedoch der Anblick jeder einzelnen Seele die den Raum füllte, als Khaled mich ungezähmt wie ein wildes Tier in das Bett rammte.
      Wortlos starrten mich ihre toten Augen an. Ich kannte jedes einzelne Gesicht welches meiner Forschung zum Opfer fiel. Doch eines fehlte. Ein ganz besonderes. Er der mir diese quälende Narbe mit einem Hieb seines Schwertes verpasste.
      Atun Urnak. Er war nicht dabei. Dies konnte nur eines bedeuten. Dieser räudige Valencianer lebt und hat meine Experimente, wie auch immer, überstanden.
      Khaled trieb mir meinen Unmut jedoch wortwörtlich aus und so besann ich mich stattdessen auf die detaillierte Niederschrift in meinem Buch zu den Experimenten, die ich an diesem wertlosen Stück Fleisch durchführte. Nun wusste ich das meine Forschungen all die Jahre nicht vergebens waren und zu einem befriedigendem Ergebniss geführt hatten.

      Ich öffne meine Augen und sehe hinüber zu dem lichterloh brennenden Feuer. Es war Khaleds Befehl das Labor nach unserer gestrigen, angeregten Unterredung niederbrennen. Jegliche Beweise das an diesem Ort einmal viele Menschen ihr Leben ließen, werden soeben von den Flammen verzehrt. Alles was ich benötige ist mir nun wieder zugänglich. Mit der notwendingen Opferung meines Labores verbrenne ich alte, vergilbte Erinnerung meiner selbst, um erneut aus der Asche empor zu steigen, damit ich die wundervolle Saat meiner Arbeit anderorts weiterzuführen kann.
      Während ich mit Begierde der nun nahenden Zukunft auf das in sich zusammenfallende Gebäude blicke, lenkt etwas im nahen Augenwinkel meine Aufmerksamkeit auf sich. Als sich meine Augen diesen Punkt zuwenden, verkrampfen sich sofort meine Finger und bohren sich schmerzhaft in das steinernde Gemäuer des Balkones. Mit geweiteten Augen in denen nun der blanke Zorn auflodert, starre ich direkt hinunter auf den Weg des Anwesens.
      Der silbrige, bläuliche Glanz seiner Seele viel mir nicht gleich auf, sosehr zog mich das Feuer unten am Demi in seinen Bann. Doch unverwechselbar. Dort unten stand er. Atun Urnak. Schäbig grinsend, aufrecht stehend und ohne Anzeichen jeglicher Gebrechen, welche ich ihm einst mit meinen Experimenten zufügte. Lediglich flackernde Luft scheint ihn zu umhüllen. Die, durch seine Hand mir auf dem Schlachtfeld zugefügte, Narbe quer über meinem Rücken beginnt zu ziehen bis daraus ein stechender Schmerz wird. Mein Blick schnellt zu dem Feuer. Das ich ihn gestern nicht erblickte, aber nun doch...dies kann nur eines bedeuten.
      Ich will es nicht wahrhaben doch so muss es sein. Sein Leib fällt soeben dem Brand meines Labores, statt meiner eigenen Hände, zum Opfer. Meine Zähne sind gefletscht und aufeinander gepresst. Ich verweigere mich, doch die nackte Wut, über seine erfolgreiche Flucht vor einen schmerzhaften Tod durch mein Werk, dringt mit einem lauten Schrei aus meiner Kehle.


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