Auf der Reise nach Behr und Kamasylve

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    • Auf der Reise nach Behr und Kamasylve

      Die Sonne erreichte ihren Tageshöchststand, doch im Wald war es angenehm kühl. Das Blätterdach warf ein grünes Licht auf die Straße. Seit ungefähr vier Stunden waren sie wieder unterwegs, doch schnell kamen sie nicht voran. Teleniel warf einen Blick zurück auf Nassaria, die auf ihrem Esel Dodo knapp hinter Nihep und ihr ritt. Wenn Teleniel gewusst hätte, dass die Kleine keinen Sattel hatte, hätte sie in Velia noch einen anfertigen lassen, doch jetzt musste sie bis Calpheon durchhalten. Tatsächlich biss sie die Zähne zusammen und beschwerte sich nicht. Einerseits beeindruckte Teleniel diese Zähigkeit, andererseits bereitete es ihr Sorgen. Es war schwer zu erkennen, wo Nassarias Limit lag. Niheps Worte aus der vergangenen Nacht kamen ihr wieder in den Sinn. War es wirklich so, dass Nassaria sich so hart gab, weil sie keine Schwäche zeigen wollte? Oder hatte sie bloß Angst, alleine gelassen zu werden, wenn sie die Reisegruppe ausbremste?

      Als sie den Kopf wieder nach vorne wandte, traf ihr Blick für einen Moment auf den Niheps. In diesem kurzen Augenblick sagten seine Augen, dass er ähnliche Gedanken hatte. Sie war sich sicher, dass er seine Sorge niemals unverblümt zugeben würde, aber in diesem Moment glaubte Teleniel sie erkennen zu können. Sie lenkte Tomoya von der Straße weg in den Wald hinein. Nihep reagierte augenblicklich, als hätte er ihre Gedanken gelesen und folgte mit Kirino. Nassaria kam den beiden nach. Bei der einer Lichtung nahe einem Bach hielten sie an.
      „Hier ist es schön und da ihr beide heute Früh ein Reh geschossen habt, dachte ich mir, wir nehmen uns die Zeit, das Fleisch ordentlich zuzubereiten“, erklärte Teleniel ihre Absicht. Zumindest einen Teil davon. Nihep stieg mit seinem üblichen verschmitzten Lächeln, wenn er Teleniel durchschaute, von seinem Pferd ab und Nassaria hüpfte von Dodo. Sie wirkte erleichtert.

      Die Zubereitung des Wilds ging rasch. Nassaria wusste, was zu tun war und Nihep sammelte Feuerholz für ein ordentliches Lagerfeuer. Im Proviant hatte Teleniel letzte Nacht schon Gewürz gefunden, sodass es möglich war, das Essen nicht nur nahrhaft, sondern auch tatsächlich schmackhaft zu gestalten. Sie dankte im Stillen der Person, die es zusammengestellt hatte. Als sie schließlich mit dem Essen fertig waren und das Lager errichtet hatten, neigte sich die Sonne bereits zum Horizont. Nihep döste vor sich hin, während die letzten Sonnenstrahlen noch seine Haut kitzelten. Teleniel saß auf einem bemoosten Felsen und gönnte sich einen weiteren Schluck aus der Weinflasche, froh darüber, in Olvia nochmals welchen gekauft zu haben, da die Reise wohl länger dauern würde, als ursprünglich gedacht. Nassaria kehrte mit nassen Haaren vom Bach zurück. Sie hatte sich Hände, Füße und den Kopf gewaschen. Sie blickte zu Nihep und wollte den jungen Mann schon ansprechen, als Teleniel sie herbeiwinkte.

      „Lass ihn ein wenig ausruhen“, meinte sie leise. Das kleine Mädchen nickte und stand ein wenig unentschlossen zwischen den beiden. Teleniel stellte die Weinflasche zur Seite. „Komm mal her.“
      Etwas zögerlich kam Nassaria der Aufforderung nach und setzte sich vorsichtig neben Teleniel auf den Felsen und blickte die Walküre neugierig, gepaart mit kindlicher Unschuld an. Für einen Moment verschlug es ihr die Sprache, doch dann löste sie das Halstuch ihrer Kleidung und legte es neben sich.
      „Trocknen wir erst einmal deine Haare“, meinte sie, drehte sich zu Nassaria und hob das überraschte Mädchen sie mit beiden Händen auf ihren Schoß. Sie war ein Fliegengewicht, Teleniel schätzte, dass sie unter hundert Pfund wog.
      „Ich kann das auch alleine“, entgegnete Nassaria, aber sie wehrte sich nicht.
      „Ich weiß“, erwiderte Teleniel. „Aber wenn man gemeinsam auf die Reise geht, da hilft man sich auch gegenseitig und es ist doch auch schön, mal etwas nicht alleine machen zu müssen, oder? Wenn du es jedoch nicht willst, sag es, ich werde dich zu nichts zwingen.“
      Das Mädchen entspannte sich ein wenig. „Es ist in Ordnung.“
      Teleniel lächelte und nahm ihr Halstuch. Sie legte es über Nassarias Nacken und begann dann mit den beiden Enden die nassen Haare abzurubbeln. Da es ihr zu gefallen schien, machte Teleniel weiter, bis das Halstuch durchnässt war. Gedanklich dankte sie Nihep für seine Worte am Abend zuvor, die sie dazu ermutigten. Sie gab das Tuch wieder zur Seite und strich Nassaria mit den Fingern durch die Haare, um sie wieder zu ordnen. Währenddessen verschwand die Sonne hinter dem Wald.

      Nassaria lehnte mittlerweile an Teleniel und hatte die Augen geschlossen. Abgesehen von dem Gezwitscher der nach Insekten jagenden Vögel und dem leisen Geplätscher des Bachs, war es vollkommen still. Der Momente fühlte sich für Teleniel unglaublich friedlich an. Hätte sie es gekonnt, hätte sie die Zeit eingefroren. Sanft streichelte sie den Kopf des Mädchens weiter.

      „Kannst du singen?“, fragte Nassaria plötzlich. Unwillkürlich zuckte Teleniel zusammen. Sie dachte, das Mädchen wäre längst eingeschlafen.
      „Singen?“, wiederholte sie, um Zeit zu gewinnen. Obwohl die beiden beinahe flüsterten, hatte Nihep plötzlich die Augen geöffnet und sah zu ihnen. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem heimlichen Grinsen. Äußerlich wirkte er noch immer vollkommen entspannt, aber Teleniel spürte, dass er sich innerlich vor Lachen schüttelte.
      „Also eigentlich nicht… wirklich“, meinte sie dann. Doch als sie sah, dass Nihep gleich dazu ansetzte, Partei für Nassaria zu ergreifen, sprach sie weiter. „Aber ich kann es ja versuchen, wenn du es willst. Aber sage anschließend nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte.“
      Das Mädchen nickte. „Bitte. Du bist ein Engel und alle Engel können singen.“
      „Gut. Lass mich einen Moment überlegen, ob mir der Text noch einfällt.“
      Teleniel richtete den Blick nach oben und setzte ein stilles Stoßgebet ab. Singen. Natürlich hatte sie an der Akademie auch gelernt zu singen, aber es war ihr nie wichtig gewesen und seitdem hatte sie es auch nicht mehr getan. Sie erblickte die ersten hellen Sterne auf dem dunkelblauen Himmelsband und da fielen ihr die ersten Zeilen eines Kinderliedes wieder ein. Sie begann zuerst eine einfache Melodie vor sich her zu summen, um sich einzustimmen, bevor sie mit leiser Stimme sang:

      Weißt du, wieviel Sternlein stehen
      An dem blauen Himmelszelt?
      Weißt du, wieviel Wolken gehen
      Weithin über alle Welt?
      Elion der Herr hat, sie gezählet,
      Dass ihm auch nicht eines fehlet
      An der ganzen großen Zahl,
      An der ganzen großen Zahl.

      Weißt du, wieviel Mücklein spielen
      In der hellen Sommerglut?
      Wieviel Fischlein auch sich kühlen
      In der klaren Wasserflut?
      Elion der Herr rief sie mit Namen,
      Dass sie all' ins Leben kamen,
      Dass sie nun so fröhlich sind.

      Teleniel summte noch ein wenig die Melodie. Ihr war bewusst, dass sie mehrmals falsch gesungen hatte, aber sie war erleichtert, dass sie immerhin zwei Strophen schaffte. Es gab noch eine Dritte, aber der Text wollte ihr nicht mehr einfallen. Sie ließ das Summen ausklingen, wagte es aber nicht, den Blick zu heben und zu Nihep zu blicken. Es war ihr peinlich.

      Tomoya schnaubte in die Stille hinein und Teleniel musste leise lachen. Sie sah zu dem Hengst hinüber. „War es so schlimm?“
      Daraufhin kicherte auch Nassaria. „Naja…“
      „Hey!“, meinte Teleniel und packte das Mädchen sanft am Nacken. „Ich habe dich gewarnt. – Was hast du denn hier?“
      Die Walküre wurde ernster, als sie etwas spürte. Sie strich Nassarias Haare aus dem Nacken.
      „Das ist nichts, die habe ich schon immer“, erklärte das Mädchen, noch immer glucksend. Teleniel sah die beiden Narben, die bisher von den Haaren verdeckt waren und plötzlich schien die Welt zu kippen. Ihr wurde schwindlig und sie hatte das Gefühl, als würde sie keine Luft mehr bekommen. Ihr Körper versteifte sich und vor ihrem inneren Auge spielte sich eine Szene ab, die beinahe vierzehn Jahre in der Vergangenheit lag. Es war eine der schönsten und schrecklichsten Zeit ihres Lebens.

      Die beinahe unerträglichen Schmerzen im Unterleib waren vollkommen in den Hintergrund gerückt. Nach Stunden in den Wehen war ihr Kind endlich geboren: es war ein Mädchen. Tränen des Glücks, der Freude und der Trauer bahnten sich ihren Weg über Teleniels verschwitztes Gesicht. Es war ihr Kind, ihr Baby. So klein aber auch so wunderschön. All die Last, die ihr das ungeborene Kind bereitet hatte, war ihr nun vollkommen egal, denn sie wusste, dass dieses Geschöpf die Mühen wert war und sie wusste jetzt noch viel deutlicher, wie falsch es war, in den vergangenen Monaten sich das ungeborene Kind wegzuwünschen. Ja, sie war an der Walkürenakademie und ja, es würde eine Menge Fragen geben, warum sie sich ein halbes Jahr Auszeit genommen hatte. Und ja, es gab noch immer Ärger in ihrer Familie, vor allem mit ihrer Mutter, aber in diesem Moment war das alles völlig gleich. Das Einzige was zählte, war dieser wundervolle, winzige und vollkommen unschuldige Mensch in ihren Armen. Ein Teil von ihr.

      Die Hebamme, die bei ihr war, hatte alle anderen nach draußen geschickt. Ferne Verwandte, die den Bauernhof betrieben, auf dem sie schon die letzten Monate der Schwangerschaft verbracht hatte. Weit weg von der Stadt, damit niemand außerhalb der Familie davon erfuhr. Die ältere Frau setzte auf die Bettkante und wischte mit einem weichem Stofftuch Teleniels Tränen weg und tupfte ihr die Stirn ab.
      „Ihr wisst, dass Ihr sie morgen verlassen müsst, bevor sie sich zu sehr an Euch bindet?“
      Teleniel presste die Lippen zusammen und erneut kullerten Tränen aus den Augen, aber sie nickte tapfer. Sie wollte es nicht. Sie wollte am liebsten hierbleiben, hier bei ihrer Tochter. Sie wollte sie aufwachsen sehen, sie wollte ihre ersten Worte hören, die ersten Schritte sehen. Aber es war unmöglich. Sie hatte mit dem Wunsch, eine Walküre zu werden, gegen ihre Familie gekämpft und war endlich soweit, dass sie dafür respektiert wurde. Würde sie nochmals vom Kurs abweichen, würde sie alles verlieren. Ihre Familie, ihren Status, ihren Ruf, ihre Zukunft. Und sie konnte nicht zulassen, dass das Kind mit einer gescheiterten Mutter und ohne Vater aufwuchs. Es war bereits geplant, dass es hier unterkommen würde und Teleniel nach Calpheon zurückkehrte. Es würde hier geliebt werden und bei einer richtigen Familie aufwachsen.

      Die Hebamme nahm das Messer, mit dem die Nabelschnur durchtrennt wurde und wischte die Klinge ab.
      „Ich gebe ihr ein Zeichen, junge Lady Ceos. Zwei senkrechte Linien im Nacken, daran könnt Ihr sie wiedererkennen, sollten sich Eure Wege wieder kreuzen. In Ordnung?“
      Teleniel nickte abermals. Sie wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, aber sie vertraute der älteren Frau. Diese hielt die Messerspitze nun über eine Kerzenflamme.
      „Haltet sie gut fest, ich mache es schnell.“
      Wenige Sekunden später weinte das Mädchen und die Hebamme wischte etwas Blut von den beiden Schnittwunden. Sie waren nicht tief, aber sie würden vernarben und ein lebenslanges Zeichen darstellen. Zwei längliche Narben.

      Teleniel?“ Nassaria blickte sie an. Wie lange schon, wusste Teleniel nicht, aber da sich sonst kaum etwas verändert hatte, dürften nur wenige Momente vergangen sein. Das konnte nur ein Zufall sein. Ein Streich, der ihr gespielt wurde. Vielleicht hatte diese Hebamme viele Kinder auf diese Weise gezeichnet, vielleicht war es sogar normal für Hebammen so etwas zu tun. Doch so sehr sie versuchte, eine Begründung zu finden, warum Nassaria diese zwei länglichen Narben im Nacken hatte, so sehr wurde ihr klar, dass es nur einen einzigen Grund geben konnte. Und die rehbraunen Augen, die sie ansahen, waren die von Nassarias Vater, daran gab es keine Zweifel.
      Teleniel, warum weinst du?“, fragte Nassaria. Besorgnis und Bestürzung lagen in ihrem Gesichtsausdruck. Teleniel zwang sich zu einem Lächeln. „Nur Erinnerungen, Nassaria. Du solltest schlafen gehen.“
      Sie hob das Mädchen, ihre Tochter, vom Schoß und stellte sie auf die Beine. Nassaria blickte kurz zu Nihep, ein sanftes Nicken seinerseits bewegte sie dazu, ins Zelt zu gehen.

      Teleniel lehnte sich vor, stütze die Ellenbogen auf den Schenkeln ab und vergrub ihr Gesicht in den Handflächen. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen und ließ den Gefühlen freien Lauf. Es war ihr egal, dass Nihep sie nun so sah. Sie wusste selbst nicht, ob sie sich über das unerwartete Wiedersehen und Wiedererkennen freuen sollte oder ob sie schockiert darüber war, dass ihre Tochter die letzten beiden Jahre für sich selbst sorgen musste. Sie blieb einfach lautlos weinend sitzen und versuchte an nichts zu denken.
    • Mauern und Leute. Nassaria lag auf dem Rücken in dem Zelt, dass sie gemeinsam mit Nihep vor die Stadt getragen und aufgestellt hatte. Das Zelt, in dem sie sonst zu dritt schliefen, wenn Teleniel auch dabei war und, so wie es aussah, bald zu viert. Zumindest bis sie in Behr ankommen würde. Sie hatte die Augen geschlossen und tat so, als würde sie schlafen. Aber sie war nicht wirklich müde und ihr Kopf arbeitete ständig. Die letzten Tage drehten sich darum, was sie für ihre Zukunft wollte, aber sie kam zu dem Entschluss, dass sie nur wusste, was sie nicht wollte und das waren Mauern und Leute.

      Mauern wurden gebaut, um jemanden ein- oder auszusperren, um die Freiheit einzuschränken. Etwas, das Nassaria zutiefst widerstrebe. Und Leute… waren wie bewegliche Mauern. Tu dies, tu jenes, tu das nicht. Die Worte des Besitzers des Hofs, auf dem sie zuletzt war, hallten ihr noch immer durch den Kopf. Obwohl sie bereits seit zwei Jahren weg war. Aber all die Leute erinnerten sie immer wieder daran. Die Wachen gaben Anweisungen, die Händler wollten, dass man ihre Waren kaufte, die Tavernenbesitzer wollten sie in die Taverne locken. Das war Calpheon. Mauern die einsperrten und Leute, die ihr sagten, was sie tun sollte. Doch sie verdrängte die Gedanken an die Stadt, denn im Augenblick war sie draußen im Wald und nur der Zeltstoff war zwischen ihr und der Freiheit und schon bald würden sie aufbrechen und die Stadt endgültig hinter sich lassen. Zeit wurde es.

      Nassaria drehte sich auf die Seite und öffnete die Augen. Nihep lag ruhig da und atmete gleichmäßig. Er machte den Eindruck, als würde er schlafen, aber gänzlich sicher war sie sich nicht. Zuvor hatte er noch die Geschichte weitererzählt und sie hatte sich um die Stechmücken gekümmert, wie sie es versprochen hatte. Es war faszinierend, wie anziehend er für diese kleinen Vampire war. Und es machte Spaß, sie auf ihm zu erschlagen. Jedenfalls konnte sie sich sicher sein, dass sie in seiner Nähe nicht gestochen werden würde. Sie drehte sich wieder auf die andere Seite. Hier war mehr Platz, denn Teleniel war nicht dabei. Teleniel, ihre leibliche Mutter.

      Es war noch immer das Verrückteste, das ihr bisher untergekommen war. Eine fremde Frau, ein Engel Elions, eine Adelige aus Calpheon, war ihre Mutter, von der sie bis vor kurzem nichts wusste. Einerseits freute Nassaria sich darüber, sie kennengelernt zu haben und sie spürte auch, dass Teleniel sie mochte und sie akzeptierte, wie sie war. Andererseits war sie darüber verärgert, dass Teleniel sie weggegeben hatte, nachdem sie zur Welt kam. Aber wenn sie darüber nachdachte, dass ihre Mutter damals nur wenig älter war als sie jetzt, konnte sie es verstehen. Vielleicht war es nicht richtig, aber dennoch das Beste. Trotzdem tat es ihr irgendwie weh. Je mehr sie darüber nachdachte, desto verwirrter wurde sie. Das hatten Nihep und sie bereits am Vorabend festgestellt und auch jetzt war es nicht anders. Bis auf dieses kleine Ziehen in der Brust, während sie den leeren Schlafplatz betrachtete. Das Ziehen, das ihr sagte, dass es ihr lieber wäre, Teleniel wäre jetzt hier. Hier bei ihr.

      Eine Weile blieb das kleinwüchsige Mädchen ruhig liegen und döste immer wieder für kurze Zeit ein, aber Schlaf wollte sich keiner einstellen. Immer wieder wand sie sich auf die eine oder andere Seite. Klemmte sich die Decke zwischen die Beine, als es ihr zu warm wurde und zog sich wieder bis unter die Nasenspitze, als es ihr zu kalt wurde. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die Erlösung in Form des Tageslichts. Die Dämmerung war durch den Zeltstoff nicht zu sehen, doch als die ersten Sonnenstrahlen darauf fielen, wurde es hell im Inneren. Nassaria drehte sich zu Nihep und zog ihm am Ohrläppchen. „Aufstehen! Ich hab‘ Hunger.“
    • Nassaria lag mit dem Baum auf dem Erdboden. Erschöpft keuchte sie, um Luft in ihre Lungen zu bekommen. Ihr ganzer Körper schmerzte aufgrund der unzähligen Blessuren, die sie sich in dieser Nacht zugezogen hatte, doch das Pochen im Kopf ließ alles andere verblassen. Jeder einzelne Herzschlag fühlte sich an, als würde der Schmied mit seinem Hammer auf ihren Schädel einschlagen. Ihre Atemzüge wurden langsamer und sie schloss die Augen.

      Gleißendes Licht empfing Nassaria, als sie die Augen öffnete. Es brauchte einige Momente, bis sie sich orientierte. Die Morgensonne schien ihr durch das Unterholz ins Gesicht. Ihr Körper fühlte sich nass und kalt an. Eigentlich wollte sie die Augen wieder schließen und weiterschlafen, doch in diesem Moment kehrte die Erinnerung zurück. Nihep und sie waren unterwegs gewesen, als sie von fremdartigen Kreaturen angegriffen wurden. Große haarige Zweibeiner mit Speeren doppelt so lang, wie sie groß war. Und kleinere, ähnliche Wesen, die Wurfgeschosse benutzten. Sie war ins Gestrüpp geflüchtet, doch dort wurde sie von weiteren Angreifern überrascht und der harte Schlag einer Steinkeule knipste ihr das Licht aus.

      Erwacht war sie in einer Kugel aus festen Geäst, mehrere Meter über den Boden baumelnd. Beraubt um Ausrüstung, Schuhe, Waffen. Sie trug nur noch das Leinenhemd und die dazugehörige Hose ihrer Unterkleidung. Ein weiteres, ihr unbekanntes Wesen hing außen an der Kugel und verhalf ihr zur Flucht, indem es das Gefängnis aufschnitt, als wären die Äste dünne Grashalme. Sie konnte in der Dunkelheit einen Vorsprung gewinnen, doch die fremden Wesen mit den Speeren, Keulen und Wurfgeschossen nahmen die Verfolgung auf. Sie töteten ihren Befreier, doch glücklicherweise entkam Nassaria ihnen. Sie war durch den Wald gelaufen, getaumelt und gestolpert. Dabei zerkratzten die Pflanzen und Steine ihre Haut und zerrissen ihre Kleidung. Bis zur Erschöpfung war sie geflohen. Eine Wurzel brachte sie schließlich zum Fall und sie blieb einfach auf dem Bauch liegen.

      Mühsam drehte sie sich auf den Rücken und setzte sich auf. Das ehemals helle Leinen war schmutzübersät. Hauptsächlich von nasser Erde, doch einige Flecken deuteten auf Blut hin. Ihr Kopf tat ihr noch immer weh, aber zumindest war es ein dumpfer, gleichmäßiger Schmerz. Vorsichtig betastete sie die Stelle, an der sie verletzt wurde. Sie spürte Schorf und eine Beule. Daraufhin betrachtete Nassaria ihre Arme. Die Ärmel wiesen einige Löcher auf und unter diesen erkannte sie Kratzspuren und Blutergüsse. Gleiches galt für ihre Beine. Das linke Hosenbein war über dem Knie beinahe vollkommen abgetrennt und ein etwas tieferer Schnitt zierte ihren Schenkel an dieser Stelle. Vorsichtig bewegte sie Arme und Beine und tastete sich den Rumpf ab. Zumindest schien nichts gebrochen. Mit einem Stöhnen rappelte das Mädchen sich auf. Die Fußsohlen brannten und die Schnittwunde am Bein fing zu bluten an.

      Sie setzte sich auf einen Stein, riss das Hosenbein vollends ab und wickelte es um die Wunde und schnürte es ordentlich zu. Währenddessen wurde sie sich mehr und mehr ihrer Lage bewusst: sie hatte nichts zu essen und zu trinken, sie hatte keinerlei Werkzeug, sie wusste nicht wo sie war und sie war verletzt. Obendrein gab es keine Spur von Nihep und sie entsann sich an das Bild von Dodo und Kirino, die tot auf einer Art Opfertisch lagen. Außerdem hatte sie Durst und Hunger. Sie wischte sich Tränen aus den Augen, ohne bemerkt zu haben, dass sie weinte. Was sollte sie nun tun? Wohin solle sie gehen?

      Die Zeit verging. Vögel zwitscherten am Himmel, Insekten summten um Nassaria und hin und wieder hörte sie Geräusche von größeren Tieren. Die Sonne schien mittlerweile von oben durch das Blätterdach. Immer wieder gingen ihr die Bilder von dem Angriff durch den Kopf. Gefolgt von den beiden toten Reittieren. Dann sah sie, wie das Wesen, dass ihr die Flucht ermöglicht hatte, von einem Wurfgeschoss niedergestreckt wurde, nur um wieder von vorne zu beginnen. Es war beinahe Mittag bis sie sich regte. Der Durst wurde zu groß. Sie stand auf und drehte sich langsam im Kreis, um sich zu orientieren. Doch sie sah keinen Weg, nicht einmal einen Pfad. Da somit jede Richtung gleich viel oder wenig erfolgsversprechend war, wählte sie die Richtung, in der sie nachts gelaufen war. Immerhin führte diese weiter Weg von den Kreaturen. Zudem ging es leicht bergab. Sie erleichterte sich noch und marschierte los.

      Zwei Stunde später fand Nassaria eine kleine Wasserlache. Ein Fels im Boden war leicht schüsselförmig und Wasser vom letzten Regen hatte sich darin gesammelt. Sie legt sie nieder, um aus der Lache zu trinken. Es war abgestanden und ihr Durst war nicht einmal annähernd gestillt, doch es schmeckte wunderbar. Endlich fühlte sich ihr Mund nicht mehr staubtrocken an. Sie richtete sich wieder auf und ging weiter. Am frühen Nachmittag erreichte sie das Ende ihres Weges. Vor ihr war eine Felswand, die etwa zehn Meter weit nach unten ging und sich nach links und rechts so weit erstreckte, wie sie im Wald sehen konnte. Sie setzte sich an die Kante. Mittlerweile waren die Kopfschmerzen stärker geworden und auch der Schnitt im Bein machte sich unangenehm bemerkbar. Dreck und Schweiß führten dazu, dass alle anderen kleinen und größeren Kratzer ebenso brannten. Zumindest war der Hunger vorerst verflogen, auch wenn er später stärker zurückkehren würde. Vorsichtig löse sie ihren improvisierten Verband. Die Wunde fing sofort wieder zu bluten an. Aufgrund der Bewegungen konnte sie nicht heilen.

      Plötzlich erregte ein Geräusch ihre Aufmerksamkeit. Es war leise und beständig, darum hatte sie es bisher noch nicht wahrgenommen. Ein sanftes Plätschern erklang von untern zu ihr herauf. Sie konnte kein Gewässer sehen, doch das Geräusch bezeugte, dass ein Bach in der Nähe sein musste. Nassaria band das Stoffstück wieder zusammen und stand auf. Sie folgte der Felswand in eine Richtung und blieb nach ein paar Minuten immer wieder stehen und lauschte. Das Plätschern wurde lauter. Eine Weile später konnte sie den Bach erkennen. Silbrig glitzerndes Wasser versteckt zwischen Baumen und Farnen, höchstens einen halben Kilometer weit entfernt aber aufgrund der Felsen unerreichbar. Doch jetzt hatte sie ein Ziel!

      Schneller folgte sie der Felswand, doch sie wurde nur höher, also kehrte sie um. Bald schon erreichte sie die Stelle, von der aus sie das Wasser sehen konnte und dann den Ausgangspunkt. Sie lief in die andere Richtung, doch auch in dieser war kein Ende in Sicht. Die Sonne hatte ihren Zenit schon lange überschritten. Es waren vielleicht noch ein oder zwei Stunden bis zur Dämmerung. Der Durst wurde wieder stärker, vor allem, weil sie wusste, dass Wasser in der Nähe war. Nassaria fasste einen Entschluss. Sie suchte sich eine Stelle, an der ein Baum von unten möglichst nahe heranwuchs. Das Beste, was sie fand, war eine Buche, von der ein dickerer Ast bis etwa drei Meter an die Felswand heranreichte und gute zwei Meter unter der Kante war. Sie zielte, doch haderte mit sich selbst. Es kam ihr plötzlich vor, als wäre die Felswand hunderte Meter hoch. Beim vierten Versuch machte sie ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und sprang über die Kante hinaus.

      Der Flug schien ewig zu dauern. Nicht nur eine Sekunde. Sie war zu kurz gesprungen, durchfuhr es ihr. Sie würde den Ast niemals erreichen und sah sich selbst schon am Boden aufschlagen. Sie hatte sich verschätzt und würde sterben. Trotzdem streckte sie die Arme vor. Mit der Brust prallte sie gegen den Ast. Es presste ihr die Luft aus den Lungen, dennoch schaffte sie es, sich irgendwie daran festzuhalten und schwang sanft hin und her. Sie wagte es nicht nach unten zu sehen und blieb einige Sekunden einfach hängen. Dann legte sie ein Bein über den Ast und zog sich hoch, sodass sie darauf zu sitzen kam.

      Sie hatte es geschafft. Sie wusste zwar nicht, wie es ihr gelungen war, doch sie saß auf dem Ast und war nicht nach unten gestürzt. Das Mädchen fing zu lachen an. Zuerst sehr leise und zaghaft, doch dann lauter. Sie musste nach Luft schnappen und das Lachen wurde wieder leiser, ging in ein Schluchzen über. Sie zitterte am ganzen Körper, als die Aufregung von dem Sprung nachließ. Mit verschwommener Sicht, denn sie riskierte es nicht, den Ast loszulassen, robbte sie sich Stück für Stück näher an den Stamm heran. Erst als sie ihn erreichte, wischte sie sich mit einem Ärmel über die Augen. Der Baum bot ausreichend weitere Äste und so konnte sie gefahrlos nach unten klettern.

      Am Boden angekommen, blickte sie nach oben, konnte kaum fassen, dass sie von der Felswand bis zu dem Baum gesegelt war und sich auch noch festhalten konnte. Und dabei hatte sie sich lediglich die Haut über dem Bauchnabel aufwärts aufgeschrammt und ihr Hemd an dieser Stelle zerrissen. Ein geringer Preis für die Möglichkeit den Bach zu erreichen. Sie orientierte sich und marschierte in die entsprechende Richtung. Wenige Minuten darauf erreiche sie den Bach. So wie sie war, legte sie sich in das kristallklare Wasser. Sie schauderte, weil es kalt war, doch es fühlte sich großartig an. Gierig trank sie mit großen Schlucken. Zu gierig, denn sie würgte das Wasser wieder hervor. Etwas vorsichtiger trank sie weiter und stillte ihren Durst und wusch sich das Gesicht und die Haare. Befreite sich von Dreck und vertrocknetem Blut. Anschließend zog sie ihre Kleidung aus, spülte sie und legte sie auf einem Felsen zum Trocknen auf, nur den improvisierten Verband legte sie gleich wieder an. Dann setzte Nassaria sich an das Flussufer und säuberte all ihre Verletzungen.

      Als es dämmerte, war sie fertig. Sie kletterte auf einen Baum und versuchte es sich in einer Astgabel bequem zu machen. Zum Glück war es warm genug, sodass sie in der Nacht trotz noch feuchter Unterwäsche nicht frieren würde. Nach dem Bad im kalten Wasser fühlte sich der laue Wind sogar richtig angenehm an. Sie schloss die Augen, um Schlaf zu finden.
    • Es dauerte lange, bis Nassaria Schlaf fand. Nachdem sie zumindest Wasser gefunden hatte, war ihr dringlichstes Problem gelöst. Sie versuchte kurz zu überdenken, was als nächstes zu tun war, doch sie konnte sich nicht darauf konzentrieren. Bei jedem ungewöhnlichen Geräusch öffnete sie die Augen und versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Sie fürchtete, dass ihre Verfolger doch nicht aufgegeben hatten und hoffte, dass es Nihep war, der ebenfalls den Bach gefunden hatte. Doch es war nichts zu sehen. Schlussendlich gewann die Erschöpfung und sie schlief ein.

      Im Traum wiederholten sich die Ereignisse in abstrakter Weise wieder und wieder. Sie sah, wie Nihep von dem Speer der Angreifer durchbohrt wurde und hörte Kirino eschrocken wiehern, bevor es um sie dunkel wurde. Dann war es Nihep, der ihr mit einem Stein auf den Schädel schlug. Beim nächsten Mal brach einfach der Weg unter den beiden Reisenden zusammen und Nassaria konnte sich an einem Ast, der aus dem Nichts kam, festhalten, während Nihep, Kirino und Dodo in die bodenlose Finsternis stürzten. Und immer wieder sah sie das Geschöpf, das ihr die Flucht aus dem Gefängnis ermöglichte, wie es Nassaria aus den schwarzen Stecknadelaugen ansah und ein einziges, lautloses Wort von sich gab: „Flieh!“

      Dann war sie wieder in dem Lager der Fremden, baumelte mit ihrem Gefängnis von einem Ast und sah die Reittiere und Nihep auf dem Opferaltar liegen. Alle drei sahen sie an und in ihren Augen konnte sie den Vorwurf, dass sie einfach verschwunden ist und alle anderen im Stich gelassen hatte, sehen. Nihep richtete sich auf, in seiner Brust war das Loch eines Speers, sodass sie hindurchsehen könnte. Niemand bewegte sich und er sprach mit vorwurfsvoller Stimme zu ihr:
      „Du lässt uns wieder im Stich. Immer läufst du nur weg, wenn es schwierig ist. Kein Wunder, dass du nicht an die Zukunft und nicht an die Vergangenheit denkst, denn dafür hast du gar keine Zeit. Du bist zu sehr damit beschäftigt, nur an dich zu denken. Wie du das Beste für dich erreichen kannst.“
      „Nein!“, rief sie zurück und schüttelte dabei heftig den Kopf. „Das stimmt doch gar nicht!“
      Die Kreaturen, die sie gefangen genommen hatten, ließen die beiden miteinander sprechen und zeigten dabei ein höhnisches Grinsen.
      „Nicht?“, fragte Nihep mit einem vor Sarkasmus triefenden Tonfall. „Du bist in Velia in den Wald geflohen, weil du dich nicht anpassen wolltest. In Behr bist du vor deiner Mutter geflohen, anstatt mit ihr zurückzukehren. Später hast du Viola im Stich gelassen, anstatt mir dabei zu helfen, ihren Vater zu überzeugen, sie nach Calpheon zu begleiten. Und jetzt? Jetzt verschwindest du wieder und lässt mich im Stich.“
      Der Valencianer legte sich wieder auf den Rücken. „Geh schon! Verschwinde von hier. Lass uns alleine, wir brauchen dich nicht.“
      „Nein, nein, nein“, wimmerte Nassaria und rüttelte an den Ästen, die sie gefangen hielten, doch sie konnte nichts machen. Hinter ihr krachte es und als sie sich umdrehte, war ein Loch in ihr Gefängnis geschnitten und das Wesen mit den schwarzen Augen starrte sie an. „Flieh! Flieh und lass auch mich im Stich.“
      Ohne nachzudenken, krabbelte Nassaria hinaus und stürzte in die Dunkelheit, nur um an einem Ast hängen zu bleiben. Sie sah eine Felswand neben sich und den Boden hunderte Meter unter ihr. Aus der Dunkelheit vernahm sie erneut Niheps Stimme: „Siehst du, du tust es schon wieder. Dabei hast du gesagt, du bleibst bei mir. Aber ich wusste es damals schon und sagte es dir, dass alle, die das sagen, mich verlassen.“
      „Nein, Nihep!“, rief sie verzweifelt.
      „Iset, ich heiße jetzt Iset!“, antwortete er. „Ich fange neu an, ich brauche niemanden mehr von früher. Verschwinde.“
      Sie schniefte. Seine Worte brannten in ihrer Seele und der Wind riss an ihrem Leib. Sie konnte sich nicht länger an dem Ast halten und ließ los.

      Ein kräftiger Schlag auf ihr Hinterteil und ein Stich, der vom Steiß angefangen bis in den Nacken fuhr, weckten Nassaria. Sie riss die Augen auf und fand sich am Erdboden wieder. Irritiert blickte sie nach oben, wo sie geschlafen hatte und realisierte, dass sie vom Baum gefallen war. Zum Glück war sie nicht sehr hoch und der Boden bestand aus eher weichem Erdreich. Die Morgendämmerung war bereits angebrochen.
      Nassaria torkelte noch schlaftrunken zum Bach, trank einige Schlucke und spritzte sich Wasser ins Gesicht, um munter zu werden. Dann wollte sie sich wieder setzen, doch ihr Hintern protestierte. Sie verzog das Gesicht und kniete sich nieder. Im Geiste erstellte sie eine Liste der Dinge, die sie zu erledigen hatte: Nahrung finden, einen besseren Unterschlupf suchen, feststellen, wo sie war, Nihep finden und dabei ihr linkes Bein schonen. Das erinnerte sich an die Wunde und sie öffnete kurz den Verband. Zum Glück reichte die Zeit in der Nacht aus, dass sie jetzt nicht wieder zu bluten begann. Sie blieb noch eine Weile auf den Knien sitzend, bevor sie sich an die Arbeit machte.

      Am Rand des Bachs fand sie einen flachen Stein, mit einer scharfen Kante. Sie konnte damit einen daumendicken Ast vom Baum abtrennen und verbrachte die nächste halbe Stunde damit, diesen an einem Ende zuzuspitzen. Die Späne sammelte sie auf einem Stein, den sie in die Sonne legte. Anschließend beschaffte sie weiteres Holz aus der näheren Umgebung und erkundete diese sogleich, fand aber nichts von Bedeutung. Sie legte das Holz für ein Lagerfeuer auf und ergänzte es um Blätter. Dann nahm sie ihren selbst gebauten Speer und stellte sich regungslos ins Wasser.
      Es dauerte eine halbe Stunde und etliche Versuche, bis sie einen Fisch aufgespießt hatte. Sie erschlug ihn mit einem Stein und machte sich daran, ihr vorbereitetes Lagerfeuer zu entzünden. Nur mit den Holzspänen und ohne trockenem Gras brauchte es eine Weile und sie hatte das Gefühl, sich die Hände wund zu reiben. Schlussendlich schaffte sie es. Mit dem scharfen Stein nahm sie den Fisch aus, spießte ihn auf und bereitete ihn im Feuer zu. Bis sie mit dem Essen fertig war, trocknete auch das Leinengewand vollends und sie zog es wieder an. Obwohl die letzten beiden Nächte bewiesen hatten, dass es sie kaum vor Verletzungen schützte, so fühlte sie sich dennoch wieder um vieles wohler.

      Den restlichen Tag verbrachte sie damit, ihre Feuerstelle mit Steinen abzusichern und mehr Holz heranzubringen, um das Feuer zu nähren. Sie fing zwei weitere Fische und aß sie. Außerdem fand sie Beeren. Zuerst zögerte Nassaria, doch dann probierte sie die Früchte. Sie schmeckten hervorragend und nachdem sie Stunden später noch keine Bauchschmerzen hatte, ging sie davon aus, dass sie nicht giftig waren. Gegen Abend suchte sie sich eine bessere Schlafstelle auf dem Baum und baute diese mit Ästen weiter aus, sodass sie nicht erneut abstürzen würde. Es war nicht perfekt und es war bei weitem nicht bequem, aber das Beste, dass sie im Augenblick erreichen konnte. Dieses Mal kam der Schlaf schnell und blieb traumlos. Sie wachte nur einmal auf, weil die Blase drückte und nutzte die Gelegenheit gleich, um Holz nachzulegen.

      Der dritte Morgen seit ihrer Flucht brach an. Zuerst sammelte Nassaria ein paar Beeren, dann wusch sie ihren Verband. Sie schnitt auch das rechte Hosenbein ab und knotete es an einem Ende zu, um einen Beutel zu haben. Sie gab den Stein, den sie als Messer missbraucht hatte rein, sowie die restlichen Beeren, die sie noch hatte. Damit und mit ihrem Speer bewaffnet machte sie sich auf den Weg. Sie würde einen besseren Unterschlupf entlang des Bachs suchen. Sie wählte den Weg entgegen des Wasserlaufs, damit der Rückweg leichter sein würde, sollte sie zurückkehren müssen.

      Am späten Vormittag machte sie einen Fund, der sie zugleich schreckte als auch Möglichkeiten bot. Der Kadaver eines Tiers, vermutlich eine Art Gazelle lag auf dem Boden. Ein Schwarm Fliegen umschwirrte ihn. Aus dem Bauch des Tieres war ein Stück herausgebissen und längliche Schnitte von Krallen zeugten von einem Kampf gegen ein Raubtier. Der Größe der Wunden nach zu schließen, musste der Räuber mindestens dreimal so groß gewesen sein, wie die Gazelle und dass sie nicht aufgefressen war, bedeutete, dass das Vieh einfach nur getötet wurde. Oder dass der Räuber später zurückkehren würde. Nassaria überlegte, ob sie schnellstmöglich weitergehen sollte oder die Gelegenheit nutzen. Sie entschied sich für letzteres und fing an, das Tier weiter zu zerlegen. Es war mühsam, mit dem Stein durch Fleisch und Knochen zu schneiden, zudem sorgte der Geruch dafür, dass sie immer wieder würgen musste und die Fliegen waren lästig. Doch am Ende hatte sie einen Hinterlauf großzügig herausgelöst. Mit der neuen Beute machte sie sich schnell davon. Sie ging eine Weile durch den Bach und dann auf die andere Seite, um ihre Spur zu verwischen. Doch bis zur Mittagszeit fand sie keinen Ort, der sich besser als Lager eignen würde, also machte sie kehrt.

      Vier Stunden später war sie wieder bei ihrem Lager angekommen. Sie sammelte Holz für das Feuer und entzündete es. Anschließend machte sie sich über das Bein der Gazelle her. Sie schnitt die Haut ab, löste das Fleisch vom Knochen und putzte eine Sehne heraus. Das Fleisch säuberte sie im Wasser und spießte es auf, um es über dem Feuer zu erwärmen. Während sie mit knurrendem Magen auf ihr Essen wartete, kontrollierte sie die Sehne. Sie war etwas kurz, aber in Ordnung. Damit ließ sich ein einfacher Bogen bauen – morgen, nicht mehr heute. Sie rollte die Sehne zusammen und legte sie zur Seite. Die anderen Überreste entsorgte sie ein Stück weiter den Bachlauf hinab. Endlich war das Fleisch fertig. Es schmeckte zwar nicht besonders gut, aber es war sättigend und das zählte. Mit vollem Magen sah die Welt für sie ein Stück weit weniger trist aus.

      Nassaria ruhte sich etwas aus. Als die Dämmerung hereinbrach, wusch sie die Überreste ihrer Kleidung und badete, um den Geruch der Gazelle loszuwerden, falls ein Raubtier nachtsüber in die Nähe kam. Außerdem kontrollierte sie die Wunde an ihrem Bein. Sie hat die Belastungen des Tages gut überstanden, darum entschied Nassaria sich dazu, sie über die Nacht nicht erneut zu verbinden. Wenn mehr Luft dazukam, war es besser für die Heilung. Nach dem Bad trocknete sie sich an der Feuerstelle und kletterte in ihre Schlafstätte. Mit offenen Augen blickte sie in den Himmel und sah die ersten Sterne aufleuchten. Alles wirkte so friedlich, regelrecht idyllisch. Nach einer Weile ging der Mond auf und tauchte alles in einen silbrigen Glanz. Das Mädchen bekam kein Auge zu. Zu sehr beschäftigte sie, was sie nun tun sollte. Ob sie nächsten Tag einfach die andere Richtung probieren sollte? Und wenn das auch keine wirkliche Lösung hervorbrachte? Und wenn sie Nihep, Iset, korrigierte sie sich und ein Hintergedanke fügte noch Pablo hinzu, gar nicht finden sollte? Wenn er tot war? Bei dem Gedanken stöhnte sie jammend auf. Sie musste den Weg zurück in vertraute Wälder finden. Und das vor Wintereinbruch.

      Nassaria stand auf und kletterte auf ihrem Baum weiter hinauf, so hoch sie konnte. Von dort aus blickte sie sich um und fand im Mondlicht einen hohen Berg. Das musste der Gipfel sein, auf dem sie waren. Der Weg, auf dem sie überfallen wurden, war viel näher am Berg als sie es jetzt war. Das hieß, sie musste in diese Richtung gehen, wenn sie zurückfinden wollte. Das hieß ebenfalls, dass sie wieder über die Felsen nach oben musste. Da sie glaubte, der Bach läuft parallel zu den Felsen, konnte sie einen Weg suchen, ohne sich zu weit vom Wasser zu entfernen. Das würde sie morgen machen. Mit diesem Plan kletterte sie wieder nach unten in ihr improvisiertes Baumbett und schloss die Augen.
    • Nassaria erwachte nur langsam. Der Morgen war bereits angebrochen, als sie sich aus ihrem unbequemen, improvisierten Bett erhob. Die Nacht über war es feucht gewesen, aber zumindest hatte es nicht geregnet. Doch sie spürte jede einzelne Faser ihres Körpers. Zumindest war sie nicht hungrig. Mit einem leisen Wimmern, das sie sich erlaubte – wer sollte es schon hören? – kletterte sie herab. Sie trank ordentlich Wasser aus dem Bach, zog sich wieder an, auch wenn die Kleidung nicht ganz getrocknet war, schnappte ihren Beutel, Speer und das Steinmesser, sowie die Sehne und machte sich auf den Weg.

      Die Felswand hatte sie in wenigen Minuten erreicht und Nassaria entschied sich wieder dazu, flussaufwärts zu gehen. Sie wanderte gemütlich dahin. Nach einer Stunde machte sie Pause. Zuvor hatte sie einen Ast eingesammelt, den sie nun an beiden Enden einkerbte. Sie band die Sehne an einem Ende fest und machte eine Schlaufe am anderen Ende der Sehne. Dann bog sie den Ast, indem sie ein Ende auf den Boden stelle und hakte nun auch die zweite Seite der Sehne ein. Der Bogen, der so entstand, war kein Meisterwerk und würde vor allem nicht lange seine Spannung halten, aber zumindest für ein paar Tage würde er ausreichend sein. Sie hing ihn sich um, als sie wieder aufbrach.

      Unterwegs blieb das Mädchen immer wieder kurz stehen, um Beeren, die sie fand, zu sammeln und zu essen und einmal investierte sie eine halbe Stunde, um zum parallel verlaufenden Bach zu kommen, zu trinken und zurückzukehren. Am frühen Nachmittag stieg das Gelände leicht an und die obere Kante der Felsen kam näher. Schlussendlich war sie nur noch zwei Meter über ihr. Sie warf ihre Sachen hinauf und klettere dann selbst nach oben. Sie blickte sich um.
      Soweit sie durch den Wald sehen konnte, gab es keine großen Hindernisse in Richtung des Bergmassivs, doch sie würde sich weiter von dem lebensnotwendigen Wasser des Bachs entfernen und sie hatte nichts, womit sie Wasser mitnehmen konnte. Sie entschied sich dazu, abermals am Wasser zu rasten und zeitig in der Früh Richtung Berg aufzubrechen. So kletterte sie wieder runter, ging zum Bach und schlug ein Lager auf. Sie fischte erneut mit dem Speer und nach dem Essen nutzte sie die Zeit, um sich ein paar einfache Pfeile zu schnitzen.

      Tag fünf, dachte Nassaria sich, als sie erwachte. Die Dämmerung war gerade angebrochen, als sie sich wieder auf den Weg machte. Zurück zu den Felsen. Sie zog sich hoch und blickte in zwei Augen in einem schwarzen Kopf, der in einen weiß gefiederten Körper mündete. Das Tier war etwas kleiner als Nassaria und trotz der Federn eher wolfsartig. Es war sich unschlüssig, ob sie essbar war oder nicht. Nassaria sprang auf, schnappte ihren Speer und ging langsam auf das Tier zu. Es wich nicht zurück, stieß jedoch ein Heulen aus. Flink tauchten weitere solche Tiere auf und stellen sich im Halbkreis um Nassaria. Ein weiteres Heulen, dieses Mal aus vielen Mäulern erschallte und das erste Vieh stürzte sich auf sie.

      Nassaria hob den Speer an und wich zur Seite aus. Die Spitze ihrer Waffe durchschlug den überraschend leichten Körper des Federwolfs, der nun winselte. Sie zog den Speer zurück, bereit, den nächsten Angriff abzuwehren. Das Rudel wurde jedoch vorsichtiger, als es erkannte, dass ihre Beute sich wehrte und zog den Halbkreis langsam enger. Nassaria überlegte, ob sie einfach von der Felswand runterspringen und davonlaufen sollte, doch sie war sich sicher, dass es die Jäger nur dazu anstacheln würde, ihr nach zu hetzen und sie von hinten anzufallen. Und dass die Vierbeiner schneller als sie sein würden, stand außer Frage. Also blieb ihr nur die Möglichkeit, selbst anzugreifen. Sie setzte an, auf den nächsten Federwolf zuzustürmen, als ein schwarzes Etwas von der Seite in das Rudel sprang. Mit dem großen Maul und spitzen Fangzähnen schnappte es nach einem Federwolf, schleuderte ihn zur Seite. Noch bevor das schwer verwundete Tier am Boden aufschlug, packte das schwarze Ungeheuer mit den Pranken den nächsten und fegte ihn weg. Der Dritte starb an einem Genickbiss, bevor das Rudel auch nur reagieren konnte.

      Nassaria war vergessen und die restlichen Wölfe suchten ihr Heil in der Flucht. Gebannt starrte Nassaria auf die Szene. Das schwarze, katzenartige Tier hatte ein glänzendes Fell unter dem sich kräftige Muskeln abzeichnete. Der Kopf alleine war riesig und von Schnauze bis zum Schwanzende maß es locker fünf Meter. Grüne Augen richteten sich auf Nassaria, die wie erstarrt dastand. Dann biss der große Räuber in seine Federwolfbeute, riss den Körper beinahe entzwei und verschlang das Fleisch gierig. Die dabei zerberstenden Knochen krachten grausam. Leben kehrte in Nassaria zurück. Vorsichtig kniete sie sich nieder und stieg die Felsen nach unten. Sie wartete und lauschte. Den Geräuschen nach zu urteilen wurden die anderen beiden Federwölfe ebenso verspeist. Dann kehrte Ruhe ein.

      Zitternd wartete das Mädchen weiterhin und versuchte keinen Laut von sich zu geben, doch es war minutenlang nichts mehr zu hören. Erst dann wagte sie sich wieder aufzustehen und erneut nach oben zu klettern. Außer Blut und Federn zeugte nichts mehr von dem Schauspiel. Die schwarze Raubkatze war weg und auch von den Federwölfen war nichts mehr zu sehen. Nassaria schnaufte durch und setzte ihren Weg fort. Zuerst kam sie aufgrund zitternder Knie nur langsam voran und außerdem blieb sie bei jedem verdächtigen Geräusch stehen und sah sich um. Doch von den Räubern oder auch anderen Gefahren war keine Spur mehr. Zu Mittag stieß sie auf einen Weg.

      Erleichterung machte sich breit. Es war nicht nur irgendein Weg, es war der Weg, auf dem sie vor fünf Tagen überfallen worden waren Und wenn sie die Gegend richtig einordnete, war der Überfall nur unweit von hier. Sie lief, obwohl ihr dabei die nackten Fußsohlen schmerzten. Sie lief und kam schließlich an den Ort des Geschehens.
    • Zu Die richtige Zeit und der richtige Ort gehörend

      Ungefähr eine Woche war vergangen, seit Nassaria Nihep-Iset gefunden hatte. Jetzt waren sie an einem Ort, der Flondor – oder so ähnlich – hieß. Inmitten von bunten Gestalten in Form von Otter und Papu, die den Ort belebten. Seit sie hier waren, erzählte Iset abends Geschichten vor einem größer werdenden Publikum. So hatten sie es abgemacht, so würden sie die Hilfe, die sie hier bekamen, zurückzahlen. Er erzählte Geschichten und sie ging mit zum Angeln. Fischen gefiel ihr, denn um die Fische nicht zu vertreiben, musste man ruhig sein. Das galt auch für Otter und Papu. Und es waren keine Mini-Otter, also Otter-Kinder dabei. Ganz im Gegensatz zu jetzt.

      Nassaria hob die Hand, mit der sie das gebratene Stück Fisch hielt, dass sie eigentlich in Ruhe essen wollte. Sie wusste gerade nicht, ob die drei Mini-Otter, die um sie herumtanzten, mehr auf sie oder mehr auf den Fisch aus waren. Jedenfalls waren sie lästig. Sie zogen und zerrten an ihrer Kleidung, ihren Beinen, ihren Armen. Nassaria hob den Kopf an und verschlang den Fisch, bevor er den Kindern zum Opfer fiel.
      „Lasst mich in Ruhe!“, herrschte sie die Kleinen an, nachdem sie runtergeschluckt hatte. Mit den Händen schob sie ein Otterkind zur Seite, doch der nächste Mini-Otter hing schon an ihrem rechten Bein und hielt es fest umschlungen. Sie seufzte, ging aber trotzdem weiter. Irgendwohin, einfach weg von dem Trubel. Die Kinder lachten und schnatterten und gaben für sie unverständliche Laute aus. Nassaria bückte sich, um die kleine Ärmchen von ihrem Bein zu lösen. Zum Glück waren die Otter nicht besonders kräftig.

      Plötzlich sprang der dritte Mini-Otter ihr auf den Rücken und fuhr mit seinen kleinen Pfoten in ihre Haare.
      „Verdammt!“, rief Nassaria und richtete sich schnell auf, um die Nervensäge abzuschütteln. Geschickt sprang dieser jedoch von ihr und schnatterte sie wieder an. Die anderen lachten. Ihr Blick verfinsterte sich. Sie überlegte, ob sie einen wegtreten sollte, entschied jedoch dagegen. Zu viel Gewalt und Iset und sie würden aus dem Dorf verbannt werden. Oder schlimmer. Aber etwas konnte sie tun?
      Sie bückte sich abermals, hob einen der Kleinen auf. Er wog vielleicht fünfzehn Pfund, wenn überhaupt. Mit energischen Schritten ging sie zum dem Fluss und warf das lachende und zappelnde Bündel mit aller Kraft in das Wasser hinaus. Nassaria wusste, dass die Otterkinder gute Schwimmer waren und ihnen nichts geschah. Aber so waren sie zumindest erst einmal weg von ihr. Sie packte den zweiten, warf ihn hinterher und dann den dritten. „So!“

      Zufrieden sah sie zu, wie die Mini-Otter damit zu tun hatten, wieder an das Ufer zu schwimmen. Vor allem, weil sie sich gegenseitig zurückhielten und untertauchten und herumtollten. Sie wandte sich ab und wollte in ihr Lager zurückkehren und die Ruhe genießen. Doch das bemerkten die Kinder und schneller als ihnen jemand zutraute, waren sie wieder am Land und setzten Nassaria nach. Erneut sprangen sie das Mädchen an. Dieses Mal waren sie obendrein auch noch nass.
      „Nochmal, Nassi, nochmal!“, piepsten sie mit ihren Stimmchen.
      „Ich heiße Nassaria. Na-ssa-ri-a“, keifte sie, doch es war vergebens. „Und nein, es reicht. Ich will meine Ruhe.“
      Der Singsang der Otter ging weiter. „Nassi uns nochmal werfen, nochmal, nochmal! Und mit uns spielen!“
      „Nein!“
      „Nassi ist lustig!“

      Es half nichts. Je zorniger und wütender sie wurde, desto aufdringlicher waren die Otter-Kinder. „Ich werde euch braten und auffressen!“
      Das sorgte erst einmal für betretenes Schweigen und die drei sahen sich abwechselnd und etwas unsicher an.
      „Auffressen, wie den Fisch“, setzte sie nach. Dann ging sie abermals los. Aber sie kam keine fünf Schritte, als das Gelächter wieder anfing und sie eingeholt wurde.
      „Nassi ist so witzig, wir schmecken gar nicht! Sie kann uns nicht essen. Wir sind nicht zum Essen.“
      Nassaria lief los und rief: „Iset, ich brauche sofort deine Hilfe! Wo steckst du?“
    • Nassaria saß wieder etwas abseits, während Iset seine Geschichte erzählte. Thyrianna war bei ihm. Die Zuhörer waren wieder bunt gemischt: Otter, Papu, Halbbiester und Elfen. Eine erkannte Nassaria wieder, Elenstannerala. Sie war auch leicht zu erkennen, denn sie war einen Kopf kleiner als alle anderen Elfen. Und während die meisten gebannt zu Iset blickten, sah sie sich immer wieder um, bis sie Nassaria entdeckt hatte. Als Iset seine Erzählung beendete, schloss sie sich dem kurzen Applaus an, doch dann kam sie direkt auf Nassaria zu.

      „Guten Abend Nassaria, Mädchen von Geschichtenerzähler Iset“, grüßte die junge Elfe und verneigte sich dabei.
      „Hallo Elli“, grüßte Nassaria zurück. Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte, noch was die Elfe vorhatte. Oder ob sie sie nur begrüßen wollte.
      „Warum seid Ihr nicht in der Stadt gewesen? Ich habe Geschichtenerzähler Iset gesehen, aber Euch nicht.“
      Nassaria überlegte einen Augenblick, entschloss sich jedoch ehrlich zu sein. „Naja, ich mag Städte nicht so. Eigentlich mag ich gar keine Orte, an denen viele Leute sind. Es ist meistens laut und Leute mag ich auch nicht.“
      „Aber in de Bibliothek ist es nicht laut“, erwiderte Elenstannerala. „Wenn es drin laut wird, dann sorgt die Bibliotheksmeisterin sofort für Ruhe.“
      „Ja, aber was soll ich den ganzen Tag in der Bibliothek. Ich lese auch nicht gerne, das ist ziemlich anstrengend und wahrscheinlich sind die meisten Bücher total langweilig.“ Nassaria machte eine Handbewegung, die das verbliebene Publikum einschloss. „Sonst würden die ganzen Leute nicht hierherkommen, um Geschichten zu hören.“
      Die kleine Elfe lachte. „Ihr seid ganz schön griesgrämig. Es ist doch etwas ganz anderes, eine Geschichte erzählt zu bekommen oder sie selbst zu lesen. Außerdem, vielleicht haben die Leute ja schon alle Geschichten in den Büchern gelesen.“
      Nassaria verzog das Gesicht. „Bestimmt nicht. Die Elfen vielleicht, ihr werdet ja so richtig alt, aber die anderen haben nicht genug Zeit dafür.“

      Elli setzte sich neben Nassaria auf den Stein. „Und was macht Ihr dann den ganzen Tag?“
      „Schlafen, essen, mich von den Otterkindern fernhalten, angeln und durch den Wald gehen.“
      „Und das wird nicht langweilig?“
      „Naja, nicht so langweilig, wie die Bibliothek. Und wenn die Otterkinder mich ärgern, werfe ich sie wieder in den Fluss. Als wir hierhergekommen sind, war ich auch öfters mal baden, aber langsam wird das Wasser kalt.“
      „Und abends hörst du auch den Geschichten zu“, merkte Elli an. Nassaria schüttelte den Kopf und grinste. „Nein, ich pass nur auf Iset auf. Weißt du, er hat die Gabe, sich in dumme Situationen zu bringen.“
      Das Elfenmädchen lachte kurz. „Das kann ich ihr vorstellen. Ihr habt ja auf dem Weg hierher schon einiges erlebt. Aber in die Bibliothek lässt du ihn alleine?“
      „Ja, da passt ja Hosiya auf. Und Thyri, wenn sie mitgeht. Das funktioniert ja ganz gut mit den beiden Aufpassern.“
      „Mhm“, erwiderte Elli und richtete den Blick auf die Zuhörer, die sich langsam zerstreuten. Wie meistens wechselten manche noch ein paar Worte mit Iset oder mit anderen Leuten und es bildeten sich Grüppchen, die gemeinsam nach Grana zurückkehrten. „Sagt mal, wollt Ihr etwas unternehmen?“
      „Jetzt?“ Nassaria musterte Elli von der Seite.
      „Sicher. Ihr habt doch keine Angst im Dunkeln, oder?“
      Schnell schüttelte Nassaria den Kopf. „Natürlich nicht. Also gut, dann unternehmen wir etwas. Ich bin sowieso lieber in der Nacht unterwegs als bei Tag.“
      Elli sprang von dem Stein auf, der als Sitzbank diente und Nassaria folgte ihr. Niemand beachtete die beiden Mädchen, als sie in den dunklen Wald verschwanden. Die Elfe bewegte sich mit der Leichtfüßigkeit, die den Elfen hier gegeben war. Nach ein paar hundert Metern kamen sie zum Flussufer. Das Mondlicht spiegelte sich silbern im leise plätschernden Wasser.
      „Du bist ganz schön schnell für einen Bücherwurm.“
      Elli grinste Nassaria an. „Ich bin ja nicht nur in der Bibliothek.“
      „Ah. Und du wolltest jetzt hierher?“ Nassaria blickte über die Wasseroberfläche. Der Ort war schön, aber sie hatte mehr erwartet. Sie war ja schon öfters hier gewesen.
      Die Elfe neben ihr antwortete nicht, sondern fing leise zu summen an. Eine einfache, eingängige Melodie. Nassaria sah sie weiterhin fragend an. Das Summen wurde zu einem Lied. In ihrer eigenen Sprache und mit geschlossenen Augen sang Elenstannerala. Nassaria musste zugeben, dass es irgendwie beruhigend war, dem Lied zu lauschen.

      Plötzlich flammten am Himmel hunderte kleiner Lichter auf. Reflexartig duckte Nassaria sich, doch dann erkannte sie, dass es die gleichen Wesen waren, mit denen Iset zu sprechen versucht hatte. Sie schwebten federleicht in der Luft und strahlten weißes Licht aus. Wie vom Wind getragen wogen sie über das Wasser des Flusses und kamen näher. Sie umkreisten die beiden und formierten sich. Während die Elfe weitersang, tanzten die Lichter nach einer eigenen Choreographie. Nassaria betrachtete das Schauspiel staunend. Nach einigen Minuten wurde Ellis Gesang leiser und die Lichter stiegen in den Himmel hinauf. Sie wurden blasser und blasser und als das Lied endete, waren sie nicht mehr zu sehen.
      „Was war das?“, wollte Nassaria wissen.
      „Ich habe zu den Geistern gesungen und sie um Schutz für euch drei gebeten“, erwiderte Elli. „Hat es Euch gefallen, Nassaria?“
      „Ja“, sie nickte anerkennend. „Ja, es war schön, dir zuzuhören. Und den… Geistern beim Tanzen zuzusehen.“
      Die Elfe freute sich über die Worte und packte Nassaria an der Hand. „Komm, gehen wir weiter in den Wald!“
      Die beiden spazierten entlang des Flusses bis zu einer Brücke, überquerten sie und gingen dann querfeldein. Sie schlugen einen großen Bogen um Flondor herum, sodass sie nie zu weit weg kamen und Elli erzählte Nassaria Geschichten von ihrem Volk und dem Land. Erst drei Stunden später kehrten sie in das Dorf zurück.
    • Mit einem mulmigen Gefühl ging Nassaria durch die Ansammlung von feiernden Papu, Otter, Fadus, Halbbestien und Elfen. Die Musik, die dabei spielte hörte sie gar nicht. Ihr war kalt, übel und sogar etwas schwindlig. Sie fühlte sich, als wäre sie krank, wusste aber, dass es nicht der Fall war. Es war nur die Abneigung gegenüber dem, was sie tun musste. Das Mädchen blickte links und rechts, um Chiik, eines der Otterkinder, zu finden. Sie hätte einfach fragen können, doch wenn sie ihn suchen musste, konnte sie es ein paar Minuten länger aufschieben. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Nihep auf Thyri zuging, die noch mit dem Fadus Kivas, der sie um einen guten Meter überragte, tanzte. Auch Hosiya erkannte sie, etwas abseits der Tanzenden.

      „Nassi-aria, Nassaria!“ Es war Chiiks piepsige Stimme. Es dauerte nur einen Augenblick und der Kleine drängte sich zwischen einer Elfe und einer Halbbestie hindurch und kam auf sie zu.
      „Da bist du ja“, entgegnete Nassaria, mit einer Freundlichkeit, die sie im Augenblick nicht verspürte. „Ich habe dich schon gesucht. Iset wird gleich singen.“
      Chiik quiekte freudig und nahm Nassarias Hand und zerrte sie inmitten der tanzenden Leute. Das mulmige Gefühl in ihrem Bauch wurde stärker und sie hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Es war eine absolut dumme Idee gewesen, so leichtfertig zu Chiik zu sagen, dass sie mit ihm tanzen würde, wenn Nihep singt. Nie im Leben hätte sie erwartet, dass Nihep sich darauf einlässt, doch sie hatte sich getäuscht. Sie musste wirklich mit sich kämpfen, um den Drang, wegzulaufen, zu widerstehen.
      „Stimmt etwas nicht, Nassi?“, wollte Chiik wissen. Selbst ein Otterkind konnte ihr Unwohlsein erkennen. Sie zog die Brauen zusammen. „Nenn mich nicht so!“
      Er kicherte daraufhin nur und nahm ihre Hände und schwang sie hin und her. Nassaria wollte gerade einwenden, dass sie erst anfangen würde, wenn Nihep sang. Doch in diesem Moment erhob Nihep die Stimme. Er stand vor der Elfe mit der Harfe und neben in Thyri und die beiden machten nicht den Eindruck, als würden sie sich dabei auch nur ansatzweise so fehl am Platz fühlen, wie sie selbst. Es war ein ruhiges, kraftvolles Lied. Unter anderen Umständen hätte es ihr sogar gefallen.

      „Tanzen“, forderte Chiik auf und Nassaria riss den Blick von den beiden los und sah das Otterkind an. Sie zwang sich zu einem Lächeln und Nicken und bewegte sich mit dem Kleinen im Kreis. Es hatte kaum etwas mit einem Tanz gemein. Weder führte sie Tanzschritte aus, noch bewegte sie sich wirklich zum Takt. Doch das war Chiik egal. Er lachte, fiepte und hüpfte weiter ihre Hände haltend hin und her. Wenigstens wusste er genauso wenig wie man richtig tanzte. Nur ihrem Körpergeschick war es zu verdanken, dass sie dabei nicht aussah, wie eine watschelnde Ente.
      Nassaria spürte die Blicke der anderen auf sich, als würde die Leute sie mit heißen Nadeln durchbohren. Sie wagte es gar nicht, aufzusehen, sondern ließ ihren Blick auf Chiik gerichtet. Der Hintergrund verschwamm zu einem dunkelgrün und dunkelblau mit einzelnen horizontalen Lichtlinien von den Fackeln und Kerzen. Der Otter lehnte sich zurück, während sie sich im Kreis drehten und an den Händen hielten. Sie zog ihn nach einigen Takten wieder heran, hob ihren Arm und schubste den Kleinen darunter hindurch, ohne seine Hand dabei auszulassen.

      Es ging hin und her und rundherum und war bei weitem nicht so schlimm wie sie es erwartet hatte. Wären da nur nicht diese ständigen Nadelstiche, die von den anderen Gästen ausgingen, die Blicke, die sie spürte. Zumindest war ihr nicht mehr übel oder kalt. Nur schwindelig war ihr weiterhin, doch von den Drehungen und nicht von der Aufregung. Plötzlich hörte Chiik auf und klatschte mit seinen Pfoten. Nassaria blieb ebenso stehen und sah ihn verwirrt an. Gerade als sie ihn fragen wollte, was los sei, bemerkte sie, dass es ruhig geworden war. Das Lied war zu Ende. Ein Applaus tobte auf. Sie wagte es kaum, sich umzusehen. Sie hatte Angst davor, dass sie von allen angesehen wird und dass sie ihr applaudierten. Wahrscheinlich nicht, weil sie so toll getanzt, sondern weil sie sich zum Affen gemacht hatte. Doch da musste sie noch durch, dann konnte sie davonlaufen. Sie drehte sich herum.

      Doch sie sah keine auf sie gerichteten Blicke. Ganz im Gegenteil, sie sah hauptsächlich Rücken, denn die Leute hatten sich Nihep und Thyri zugewandt und applaudierten den beiden. Er schien es zu genießen, Thyris Miene war schwerer einzuschätzen. Nassaria atmete tief durch.
      „Tanzen wir noch einmal? Das war super lustig!“, wollte Chiik neben ihr wissen. Sie sah zu ihm. „Ich habe mein Versprechen eingelöst.“
      Seine Augen bekamen einen traurigen und enttäuschten Ausdruck. Sie hätte jetzt weglaufen können, sie wollte es noch immer. Doch sie wandte sich ihm zu. „Schau mal, die anderen Otter wollen jetzt ganz bestimmt auch mit dir tanzen. Frag mal Kila, die hat extra davor mit Iset geübt.“
      „Wirklich?“ Die Traurigkeit verschwand wieder.
      „Ja wirklich! Geh und such sie, bevor das nächste Lied anfängt.“
      Chiik nickte eifrig und drückte Nassaria. „Danke!“
      Dann lief er los und machte sich auf die Suche. Nassaria schlich sich aus den Leuten heraus, zu einem Busch etwas abseits. Sie war noch immer erstaunt, dass es nicht ganz so schlimm war, wie sie erwartet hatte. Trotzdem hatte sie jetzt genug von diesem Fest und von diesem Dorf und von allem. Sie war froh, dass sie die Heimreise antreten würden. Lieber kämpfte sie mit wilden Tieren und sprang von Klippen, als sich auf solchen Festen aufzuhalten.
    • Nassaria verschob einen ihrer Steine und sah zu Iset. In diesem Moment bemerkte sie ihren Fehler. Iset machte seinen Zug, brachte drei schwarze Steine in eine Reihe und konnte somit einen ihrer Weißen nehmen. Mal wieder.
      „Ach verdammt!“, stieß sie aus, lachte aber. Das Spiel war einfach zu begreifen und machte ihr Spaß. Doch immer wieder übersah sie etwas und Iset nutzte das aus, um zu gewinnen. Dankenswerterweise erkläre er ihr auch, welche Fehler sie machte. So lernte sie davon und wurde von Spiel zu Spiel besser. Es ging darum, in drei ineinander verschachtelte Quadrate, die mit Linien an den Seitenmitten verbunden waren, Steine zu setzen. Neun weiße Steine für Nassaria, neun schwarze Steine für Iset. Nachdem alle Steine gesetzt waren, durfte man sie abwechselnd ziehen, jedoch maximal um eine Position. Schaffte man es, drei seiner Steine in eine Linie zu bringen, durfte man einen gegnerischen Stein vom Spiel nehmen.
      Das Spiel war eine willkommene Ablenkung von der Reise. Nassaria hatte nicht mitgezählt, wie viele Runden sie schon gespielt hatten. Es waren einige. Die ersten gingen recht schnell vorbei, mittlerweile dauerten sie schon etwas länger.
      Noch vor wenigen Tagen hatte sie nicht erwartet, dass ihr die Rückreise zusetzen würde. Im Gegenteil, sie hatte sich schon darauf gefreut, wieder in eine vertraute Umgebung zurückzukehren, obwohl vieles anders sein würde, als vor ihrer Abreise. Doch als es dann so war, hatte sie Albträume gehabt. Erinnerungen an den Überfall, bei dem sie beinahe gestorben waren mischten sich mit der Angst, sich in dem fremden Land zu verlaufen. Sie wurden unter Unmengen an Schnee begraben, fanden nichts mehr zu essen und froren. Bei Tageslicht waren die Träume natürlich nur wilde Hirngespinste, doch ein gewisses Unwohlsein blieb bestehen.

      „Gewonnen!“, meinte Iset mit dem schelmischen Gesichtsausdruck, den er jedes Mal hatte, wenn er einen ihrer Steine nehmen konnte. Nassaria betrachtete das Spielfeld, doch sie konnte nichts machen. Der Fehler lag schon einige Runden zurück und hatte sich bis zum Ende durchgezogen. Sie sammelte ihre verbliebenen zwei Steine und sah sich um.
      Thyrianna und Hosiya hatten einen Spaziergang unternommen, waren aber noch nicht zurückgekehrt und langsam wurde es dunkel. Sie machte sich zwar keine Sorgen um die beiden, doch es wäre ihr lieber, wenn sich bald zurückkehren würden. Die Zahnfeen schwirrten noch immer übermütig durch die Lüfte. Es waren eigenartige Geschöpfe. Sie hatten magische Fähigkeiten, sprachen ohne einen Laut von sich zu geben, waren möglicherweise uralt und benahmen sich dennoch wie Kinder, die auf einer Frühlingswiese herumtollten.

      Nassaria wusste jedoch, dass das nicht alles war. Hier war es nur schwer zu bemerken, doch das Geschöpf, das sie aus ihrem Kugelgefängnis befreit und dafür sein Leben gegeben hatte, war ebenfalls eine Zahnfee gewesen. Als sie mit Tvisa darüber gesprochen hatte, konnte sie die Traurigkeit wahrnehmen, die der Tod eines ihresgleichen auslöste. Das Mädchen schob die Gedanken daran zur Seite und sah Iset an. Sie nahm den ersten Stein. „Dieses Mal gewinne ich!“