Auf der Reise nach Behr

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    • Auf der Reise nach Behr

      Die Sonne erreichte ihren Tageshöchststand, doch im Wald war es angenehm kühl. Das Blätterdach warf ein grünes Licht auf die Straße. Seit ungefähr vier Stunden waren sie wieder unterwegs, doch schnell kamen sie nicht voran. Teleniel warf einen Blick zurück auf Nassaria, die auf ihrem Esel Dodo knapp hinter Nihep und ihr ritt. Wenn Teleniel gewusst hätte, dass die Kleine keinen Sattel hatte, hätte sie in Velia noch einen anfertigen lassen, doch jetzt musste sie bis Calpheon durchhalten. Tatsächlich biss sie die Zähne zusammen und beschwerte sich nicht. Einerseits beeindruckte Teleniel diese Zähigkeit, andererseits bereitete es ihr Sorgen. Es war schwer zu erkennen, wo Nassarias Limit lag. Niheps Worte aus der vergangenen Nacht kamen ihr wieder in den Sinn. War es wirklich so, dass Nassaria sich so hart gab, weil sie keine Schwäche zeigen wollte? Oder hatte sie bloß Angst, alleine gelassen zu werden, wenn sie die Reisegruppe ausbremste?

      Als sie den Kopf wieder nach vorne wandte, traf ihr Blick für einen Moment auf den Niheps. In diesem kurzen Augenblick sagten seine Augen, dass er ähnliche Gedanken hatte. Sie war sich sicher, dass er seine Sorge niemals unverblümt zugeben würde, aber in diesem Moment glaubte Teleniel sie erkennen zu können. Sie lenkte Tomoya von der Straße weg in den Wald hinein. Nihep reagierte augenblicklich, als hätte er ihre Gedanken gelesen und folgte mit Kirino. Nassaria kam den beiden nach. Bei der einer Lichtung nahe einem Bach hielten sie an.
      „Hier ist es schön und da ihr beide heute Früh ein Reh geschossen habt, dachte ich mir, wir nehmen uns die Zeit, das Fleisch ordentlich zuzubereiten“, erklärte Teleniel ihre Absicht. Zumindest einen Teil davon. Nihep stieg mit seinem üblichen verschmitzten Lächeln, wenn er Teleniel durchschaute, von seinem Pferd ab und Nassaria hüpfte von Dodo. Sie wirkte erleichtert.

      Die Zubereitung des Wilds ging rasch. Nassaria wusste, was zu tun war und Nihep sammelte Feuerholz für ein ordentliches Lagerfeuer. Im Proviant hatte Teleniel letzte Nacht schon Gewürz gefunden, sodass es möglich war, das Essen nicht nur nahrhaft, sondern auch tatsächlich schmackhaft zu gestalten. Sie dankte im Stillen der Person, die es zusammengestellt hatte. Als sie schließlich mit dem Essen fertig waren und das Lager errichtet hatten, neigte sich die Sonne bereits zum Horizont. Nihep döste vor sich hin, während die letzten Sonnenstrahlen noch seine Haut kitzelten. Teleniel saß auf einem bemoosten Felsen und gönnte sich einen weiteren Schluck aus der Weinflasche, froh darüber, in Olvia nochmals welchen gekauft zu haben, da die Reise wohl länger dauern würde, als ursprünglich gedacht. Nassaria kehrte mit nassen Haaren vom Bach zurück. Sie hatte sich Hände, Füße und den Kopf gewaschen. Sie blickte zu Nihep und wollte den jungen Mann schon ansprechen, als Teleniel sie herbeiwinkte.

      „Lass ihn ein wenig ausruhen“, meinte sie leise. Das kleine Mädchen nickte und stand ein wenig unentschlossen zwischen den beiden. Teleniel stellte die Weinflasche zur Seite. „Komm mal her.“
      Etwas zögerlich kam Nassaria der Aufforderung nach und setzte sich vorsichtig neben Teleniel auf den Felsen und blickte die Walküre neugierig, gepaart mit kindlicher Unschuld an. Für einen Moment verschlug es ihr die Sprache, doch dann löste sie das Halstuch ihrer Kleidung und legte es neben sich.
      „Trocknen wir erst einmal deine Haare“, meinte sie, drehte sich zu Nassaria und hob das überraschte Mädchen sie mit beiden Händen auf ihren Schoß. Sie war ein Fliegengewicht, Teleniel schätzte, dass sie unter hundert Pfund wog.
      „Ich kann das auch alleine“, entgegnete Nassaria, aber sie wehrte sich nicht.
      „Ich weiß“, erwiderte Teleniel. „Aber wenn man gemeinsam auf die Reise geht, da hilft man sich auch gegenseitig und es ist doch auch schön, mal etwas nicht alleine machen zu müssen, oder? Wenn du es jedoch nicht willst, sag es, ich werde dich zu nichts zwingen.“
      Das Mädchen entspannte sich ein wenig. „Es ist in Ordnung.“
      Teleniel lächelte und nahm ihr Halstuch. Sie legte es über Nassarias Nacken und begann dann mit den beiden Enden die nassen Haare abzurubbeln. Da es ihr zu gefallen schien, machte Teleniel weiter, bis das Halstuch durchnässt war. Gedanklich dankte sie Nihep für seine Worte am Abend zuvor, die sie dazu ermutigten. Sie gab das Tuch wieder zur Seite und strich Nassaria mit den Fingern durch die Haare, um sie wieder zu ordnen. Währenddessen verschwand die Sonne hinter dem Wald.

      Nassaria lehnte mittlerweile an Teleniel und hatte die Augen geschlossen. Abgesehen von dem Gezwitscher der nach Insekten jagenden Vögel und dem leisen Geplätscher des Bachs, war es vollkommen still. Der Momente fühlte sich für Teleniel unglaublich friedlich an. Hätte sie es gekonnt, hätte sie die Zeit eingefroren. Sanft streichelte sie den Kopf des Mädchens weiter.

      „Kannst du singen?“, fragte Nassaria plötzlich. Unwillkürlich zuckte Teleniel zusammen. Sie dachte, das Mädchen wäre längst eingeschlafen.
      „Singen?“, wiederholte sie, um Zeit zu gewinnen. Obwohl die beiden beinahe flüsterten, hatte Nihep plötzlich die Augen geöffnet und sah zu ihnen. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem heimlichen Grinsen. Äußerlich wirkte er noch immer vollkommen entspannt, aber Teleniel spürte, dass er sich innerlich vor Lachen schüttelte.
      „Also eigentlich nicht… wirklich“, meinte sie dann. Doch als sie sah, dass Nihep gleich dazu ansetzte, Partei für Nassaria zu ergreifen, sprach sie weiter. „Aber ich kann es ja versuchen, wenn du es willst. Aber sage anschließend nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte.“
      Das Mädchen nickte. „Bitte. Du bist ein Engel und alle Engel können singen.“
      „Gut. Lass mich einen Moment überlegen, ob mir der Text noch einfällt.“
      Teleniel richtete den Blick nach oben und setzte ein stilles Stoßgebet ab. Singen. Natürlich hatte sie an der Akademie auch gelernt zu singen, aber es war ihr nie wichtig gewesen und seitdem hatte sie es auch nicht mehr getan. Sie erblickte die ersten hellen Sterne auf dem dunkelblauen Himmelsband und da fielen ihr die ersten Zeilen eines Kinderliedes wieder ein. Sie begann zuerst eine einfache Melodie vor sich her zu summen, um sich einzustimmen, bevor sie mit leiser Stimme sang:

      Weißt du, wieviel Sternlein stehen
      An dem blauen Himmelszelt?
      Weißt du, wieviel Wolken gehen
      Weithin über alle Welt?
      Elion der Herr hat, sie gezählet,
      Dass ihm auch nicht eines fehlet
      An der ganzen großen Zahl,
      An der ganzen großen Zahl.

      Weißt du, wieviel Mücklein spielen
      In der hellen Sommerglut?
      Wieviel Fischlein auch sich kühlen
      In der klaren Wasserflut?
      Elion der Herr rief sie mit Namen,
      Dass sie all' ins Leben kamen,
      Dass sie nun so fröhlich sind.

      Teleniel summte noch ein wenig die Melodie. Ihr war bewusst, dass sie mehrmals falsch gesungen hatte, aber sie war erleichtert, dass sie immerhin zwei Strophen schaffte. Es gab noch eine Dritte, aber der Text wollte ihr nicht mehr einfallen. Sie ließ das Summen ausklingen, wagte es aber nicht, den Blick zu heben und zu Nihep zu blicken. Es war ihr peinlich.

      Tomoya schnaubte in die Stille hinein und Teleniel musste leise lachen. Sie sah zu dem Hengst hinüber. „War es so schlimm?“
      Daraufhin kicherte auch Nassaria. „Naja…“
      „Hey!“, meinte Teleniel und packte das Mädchen sanft am Nacken. „Ich habe dich gewarnt. – Was hast du denn hier?“
      Die Walküre wurde ernster, als sie etwas spürte. Sie strich Nassarias Haare aus dem Nacken.
      „Das ist nichts, die habe ich schon immer“, erklärte das Mädchen, noch immer glucksend. Teleniel sah die beiden Narben, die bisher von den Haaren verdeckt waren und plötzlich schien die Welt zu kippen. Ihr wurde schwindlig und sie hatte das Gefühl, als würde sie keine Luft mehr bekommen. Ihr Körper versteifte sich und vor ihrem inneren Auge spielte sich eine Szene ab, die beinahe vierzehn Jahre in der Vergangenheit lag. Es war eine der schönsten und schrecklichsten Zeit ihres Lebens.

      Die beinahe unerträglichen Schmerzen im Unterleib waren vollkommen in den Hintergrund gerückt. Nach Stunden in den Wehen war ihr Kind endlich geboren: es war ein Mädchen. Tränen des Glücks, der Freude und der Trauer bahnten sich ihren Weg über Teleniels verschwitztes Gesicht. Es war ihr Kind, ihr Baby. So klein aber auch so wunderschön. All die Last, die ihr das ungeborene Kind bereitet hatte, war ihr nun vollkommen egal, denn sie wusste, dass dieses Geschöpf die Mühen wert war und sie wusste jetzt noch viel deutlicher, wie falsch es war, in den vergangenen Monaten sich das ungeborene Kind wegzuwünschen. Ja, sie war an der Walkürenakademie und ja, es würde eine Menge Fragen geben, warum sie sich ein halbes Jahr Auszeit genommen hatte. Und ja, es gab noch immer Ärger in ihrer Familie, vor allem mit ihrer Mutter, aber in diesem Moment war das alles völlig gleich. Das Einzige was zählte, war dieser wundervolle, winzige und vollkommen unschuldige Mensch in ihren Armen. Ein Teil von ihr.

      Die Hebamme, die bei ihr war, hatte alle anderen nach draußen geschickt. Ferne Verwandte, die den Bauernhof betrieben, auf dem sie schon die letzten Monate der Schwangerschaft verbracht hatte. Weit weg von der Stadt, damit niemand außerhalb der Familie davon erfuhr. Die ältere Frau setzte auf die Bettkante und wischte mit einem weichem Stofftuch Teleniels Tränen weg und tupfte ihr die Stirn ab.
      „Ihr wisst, dass Ihr sie morgen verlassen müsst, bevor sie sich zu sehr an Euch bindet?“
      Teleniel presste die Lippen zusammen und erneut kullerten Tränen aus den Augen, aber sie nickte tapfer. Sie wollte es nicht. Sie wollte am liebsten hierbleiben, hier bei ihrer Tochter. Sie wollte sie aufwachsen sehen, sie wollte ihre ersten Worte hören, die ersten Schritte sehen. Aber es war unmöglich. Sie hatte mit dem Wunsch, eine Walküre zu werden, gegen ihre Familie gekämpft und war endlich soweit, dass sie dafür respektiert wurde. Würde sie nochmals vom Kurs abweichen, würde sie alles verlieren. Ihre Familie, ihren Status, ihren Ruf, ihre Zukunft. Und sie konnte nicht zulassen, dass das Kind mit einer gescheiterten Mutter und ohne Vater aufwuchs. Es war bereits geplant, dass es hier unterkommen würde und Teleniel nach Calpheon zurückkehrte. Es würde hier geliebt werden und bei einer richtigen Familie aufwachsen.

      Die Hebamme nahm das Messer, mit dem die Nabelschnur durchtrennt wurde und wischte die Klinge ab.
      „Ich gebe ihr ein Zeichen, junge Lady Ceos. Zwei senkrechte Linien im Nacken, daran könnt Ihr sie wiedererkennen, sollten sich Eure Wege wieder kreuzen. In Ordnung?“
      Teleniel nickte abermals. Sie wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, aber sie vertraute der älteren Frau. Diese hielt die Messerspitze nun über eine Kerzenflamme.
      „Haltet sie gut fest, ich mache es schnell.“
      Wenige Sekunden später weinte das Mädchen und die Hebamme wischte etwas Blut von den beiden Schnittwunden. Sie waren nicht tief, aber sie würden vernarben und ein lebenslanges Zeichen darstellen. Zwei längliche Narben.

      Teleniel?“ Nassaria blickte sie an. Wie lange schon, wusste Teleniel nicht, aber da sich sonst kaum etwas verändert hatte, dürften nur wenige Momente vergangen sein. Das konnte nur ein Zufall sein. Ein Streich, der ihr gespielt wurde. Vielleicht hatte diese Hebamme viele Kinder auf diese Weise gezeichnet, vielleicht war es sogar normal für Hebammen so etwas zu tun. Doch so sehr sie versuchte, eine Begründung zu finden, warum Nassaria diese zwei länglichen Narben im Nacken hatte, so sehr wurde ihr klar, dass es nur einen einzigen Grund geben konnte. Und die rehbraunen Augen, die sie ansahen, waren die von Nassarias Vater, daran gab es keine Zweifel.
      Teleniel, warum weinst du?“, fragte Nassaria. Besorgnis und Bestürzung lagen in ihrem Gesichtsausdruck. Teleniel zwang sich zu einem Lächeln. „Nur Erinnerungen, Nassaria. Du solltest schlafen gehen.“
      Sie hob das Mädchen, ihre Tochter, vom Schoß und stellte sie auf die Beine. Nassaria blickte kurz zu Nihep, ein sanftes Nicken seinerseits bewegte sie dazu, ins Zelt zu gehen.

      Teleniel lehnte sich vor, stütze die Ellenbogen auf den Schenkeln ab und vergrub ihr Gesicht in den Handflächen. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen und ließ den Gefühlen freien Lauf. Es war ihr egal, dass Nihep sie nun so sah. Sie wusste selbst nicht, ob sie sich über das unerwartete Wiedersehen und Wiedererkennen freuen sollte oder ob sie schockiert darüber war, dass ihre Tochter die letzten beiden Jahre für sich selbst sorgen musste. Sie blieb einfach lautlos weinend sitzen und versuchte an nichts zu denken.
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