Fangshe Tié, der eherne Weg.

    • Fangshe Tié, der eherne Weg.

      Teil 1


      „Da läuft er! Los! Das Muttersöhnchen kriegen wir! Mit seinen kurzen Hjyugabeinen kann er nicht so schnell laufen!“
      Äste von Büschen peitschten Inuyo ins Gesicht. Sein Arm pochte und tat höllisch weh. Seine Verfolger hatten ihn bevor er fliehen konnte lange bearbeitet. Es war nun schon das dritte Mal seit er in das Kloster gebracht wurde, dass andere Novizen ihn aufmischten.
      Weil er anders war sagten sie. Weil er kein Quai war. Weil er es nicht wert war im Kloster ausgebildet zu werden. Inuyo zog bei dem Gedanken die Nase hoch, und seine Augen tränten weiter.
      Vielleicht hatten sie ja sogar recht. Mama und Papa wollten ihn ja auch nicht mehr auf dem Hof haben. Sie hatten ihn weit, weit fortbringen lassen. Die anderen Novizen sagten das taten sie, damit er auch ja nicht zurückfinden würde. Was hatte er denn nur angestellt? Er stolperte über eine Wurzel und verstauchte sich dabei den Knöchel. Ein Wimmern kam über seine Lippen, doch humpelte erweiter. Noch zehn Schritt, dann war er in Sicherheit. Doch die Saalbrüder waren dicht hinter ihm. Noch fünf Schritt, drei…. Da traf ihn ein heftiger Schlag auf die Schulter. Er wirbelte herum und blickte in die grinsenden, triumphierenden Gesichter seiner drei Peiniger.
      „So. Und jetzt bekommst du eine Abreibung, weil wir hinter dir herlaufen mussten!“ Juan, der größte der drei knackte mit den Fingerknöcheln. Eine widerliche Angewohnheit von ihm.
      „Fallt tot um!“ schrie der fünfjährige Inuyo mit rotem, wutverzerrtem Gesicht. Das Gesicht nass vor Tränen, und blau von den Schlägen, die er bereits vor seiner Flucht einstecken musste.
      „Der Einzige der umfallen wird, bist du! Wie immer!“ Ley tat einen Schritt auf ihn zu.
      Inuyo tat hingegen aus Reflex einen Schritt zurück. Der Fuß trat in ein Gebüsch, doch dieses raschelte kurz, und fiel zusammen mit Inuyo den dahinter verdeckten Abhang hinunter.
      „Oh Scheiße! Schnell weg hier!“ Hörte er noch Juan rufen, doch verklangen seine Worte schnell im Rauschen des Windes. Er war ein weiteres Mal entkommen. Und ein Funken von Triumph glühte in seiner Brust, als er ein gutes Dutzend Meter tiefer die Wasseroberfläche durchbrach.

      „Inu? INU?“ Er hörte die Stimme. Aber er wollte allein sein. Er saß am Rand des Flusses, auf einem großen Kiesel und warf Bambussplitter in die sich kräuselnde und gluggernde Wasseroberfläche. Es beruhigte ihn irgendwie. Es lenkte ihn von den Schmerzen ab. Den körperlichen, sowie denen in seinem Bauch. Und gerade als es besser wurde, musste die blöde Kuh ihn finden.
      „Inu! Da bist du ja! Ha ich habe dich gefunden!“ Mit vor Anstrengung rotem Gesicht und grinsend wie eine Katze die eine Maus erspäht hatte kletterte Shenmi auf den Kiesel. Ehe er etwas erwidern konnte lies sich die Fünfjährige neben ihn plumpsen und schaute auf den Wasserlauf. „Ui wie schön! Schau mal die Libellen dort! Wie das wohl ist, wenn man so fliegen könnte! Was meinst du Inu?“
      „Hör auf mich so zu nennen! Haoqi!“ Das letzte Wort stieß er aus wie eine Beleidigung.
      „Was stimmt denn nicht mit Inu? Es ist kürzer als Inuyo. Das ist was Gutes, denn es spart Zeit.“
      „Es bedeutet in meiner Sprache Hund!“ knurrte er zurück.
      „Sind Hunde denn etwas Schlechtes? Hm. Was heißt denn dann Inuyo?“ sie wendete den Blick zu ihm und ihre Augen wurden groß wie ihre Handteller. „Boa! Was ist denn mit dir passiert!“ ohne weiteres Zögern streckte sie bereits die Hand nach seinem Gesicht aus. Er konnte zurückweichen und blickte sie zornig an. „Na was wohl du dumme Gans! Wonach sieht es denn aus hm? Sie waren zu dritt, und ich habe sie nicht rechtzeitig auf mich zukommen sehen!“
      Shenmi presste die Lippen zusammen. „Ich bin keine dumme Gans.“ murmelte sie kleinlaut. Mit festerer Stimme fügte sie an: „Aber das geht doch nicht! Warum verhauen sie dich ständig? Bist du gemeinzu ihnen? So wie zu mir?“
      „Ich bin doch nicht gemein zu di..“ Er bracht ab und blickte mit zusammengepressten Lippen zurück auf die dahintreibenden Bambussplitter die er ins Wasser geworfen hatte. „Tut mir leid. Ich wollte nicht gemein sein.“
      „Schon gut... Inu!“ Shenmi grinste ihn frech an und lies die Beine baumeln. „Also, warum hänseln sie dich?“
      „Weil ich anders bin glaub ich. Weil ich kein Quai bin. Und weil ich die Ehre des Klosters beschmutze, wenn ich hier trainiere.“
      „Aber das ist doch Quatsch! Wir sind hier alle gleich. Du, ich, und die anderen. Wir sind doch alle Novizen. Unsere Herkunft spielt keine Rolle mehr.“ gab Shenmi altklug von sich, und reckte rechthaberisch das Kinn dabei.
      „Dann sag ihnen das doch!“ blaffte Inuyo zurück, genervt von dem Naseweis neben ihm.
      „Das mach ich auch! Wirst sehen!“
      „Und dann verhauen sie dich genauso!“
      „Na und? Ich bin aber im Recht!“
      „Das tut aber trotzdem genauso weh!“
      „Du bist ein Doofmann!“
      „Bin ich nicht!“
      „Wohl! Wenn du keiner wärst, hättest du jetzt gesagt: „Das ist lieb von dir Shenmi, ich helfe dir dabei, und zusammen überzeugen wir sie mich in Ruhe zu lassen!““
      Inuyo blickte sie mit zugeschwollenen Augen an. Das Argument hatte ihm nun auch noch die Stimme gekostet. Shenmi brach in Gelächter aus. „Boa Inu, weißt du eigentlich wie doof du gerade aussiehst?“
      „Das ist gemein.“ Er blickte zurück zum Wasser, es war ihm unangenehm, wenn er so aussah.
      „Tut mir leid.“ Shenmi lächelte ehrlich und warft nun ihrerseits Bambussplitter ins Wasser.
      „Es ist schön hier. So anders als im Tempel selbst. Bist du ofthier?“
      „Ja. Hier habe ich meine Ruhe.“
      „Weißt du was? Hier können wir zusammen trainieren bevor wir in den Schlafsaal gerufen werden! Hier stört uns niemand, und schon bald wären wir so gut, dass wir Juan und die anderen zusammen fertigmachen können!“ Shenmi schlug wild mit ihren Fäusten durch die Luft.
      „Das wäre toll!“ begeisterte sich Inuyo für die Idee. „Sie würden nicht wissen was wir können, und dann machen wir sie fertig!“
      „Genau!“
      Sie saßen eine Weile in Gedanken und schwiegen. Jeder mit Bildern im Kopf, wie so ein Kampf ausgehen könnte.
      „Du Inu?“ brach Shenmi nicht unerwartet als Erste die Stille.
      „Ja?“ gab Inuyo genervt von der Kurzform seines Namens wieder.
      „Tut das eigentlich weh?“ Und ehe er verstand worum es bei der Frage überhaupt ging, pikste Shenmi mit ihrem kleinen Zeigefinger auf die riesige blaue Schwellung unter seinem Auge.
      Und seine Welt explodierte als hätte ihn Großmeister Xis Donnerfaust getroffen.

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    • Teil 2

      Drei Jahre später.

      „Inu….Inu….Inu!“ Bei jedem gewisperten Wort traf ihn eine Fingerspitze auf die Nase. Er schlug ungehalten die Augen auf und erblickte Shenmi. Ihre Haare waren durcheinander und abstehend wie das Nest eines überaktiven Hamsters.
      „Nun steh schon auf! Du hast es versprochen!“
      Er stöhnte. Ja er hatte es versprochen. Was auch immer ihn dazugetrieben haben mochte.
      Leise brummend richtete er sich auf und sah sich um ob die anderen Saalgeschwister etwas mitbekommen haben mochten. Einige regten sich unwillig in ihrem Schlaf, doch wach war nur Shenmi die ihre Fäuste in die Hüften gestemmt hatte, und triumphierend lächelnd über ihm stand.
      „Na los“ gähnte er leise. „Wir haben nur wenig Zeit bis das Morgentraining startet.“
      Nebel lag noch über dem Bambustal als sie den steilen Aufstieg angingen. Zu Anfang liefen sie um so schnell wie möglich Höhe zu gewinnen. Die Kuppe des Bergkamms zu erreichen, der den Bambushainein rahmte war jedoch mühsam. Schon bald waren sie außer Atem, doch den Nebel hatten sie unter sich gelassen und über ihnen glitzerten langsam blasser werdend die letzten Sterne vor dem Morgengrauen.
      „Schau mal Inu! Wie Schafswolle!“ Shenmi deutete auf das Nebelmeer unter ihnen im Tal.
      „Es sieht aus als könnte man sich darauflegen und schlafen. Es wäre bestimmt unglaublich weich.“
      Sie blickte ihn mit strahlenden Augen an. Allein der Gedanke begeisterte sie. Doch ihr Blick lag nur kurz auf ihm, da zog bereits etwas anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich. Etwas, dass offenbar direkt hinter ihm lag.
      Mit offenem Mund und weit geöffneten Augen stürmte sie an Inuyo vorbei.
      „Schau mal die Blume dort!“ Ihr Finger deutete auf eine violette Blüte. Sie thronte auf einer winzigen Felsnase, direkt gegenüber einem kleinen Felsspalt.
      Shenmis Zunge blitzte plötzlich hochkonzentriert in ihrem Mundwinkel auf, und auf allen Vieren krabbelnd näherte sie sich der Spalte.
      „Shenmi Vorsicht. Es ist dunkel, und die Felsnase könnte..“
      „Jajaja. Ich bin nicht so fett wie du! Außerdem bin ich vorsichtig.“
      Sie streckte den Arm gen Blume aus, als es plötzlich begann zu knirschen. Shenmi presste die Lippen zusammen und streckte sich noch ein wenig weiter. Dann wurde aus dem Knirschen ein Knacken und die Felsnase auf der sie kniete stürzte in die pechschwarze Felsspalte.
      Ein fester Ruck ging durch ihren Arm, und als sie aufblickte sah sie in Inuyos angestrengtes Gesicht, der mit beiden Händen versuchte sie festzuhalten.
      „Nicht so fett wie ich hm?“ brachte er stöhnend hervor.
      Shenmi sah kurz erleichtert zu ihm hinauf, dann fiel ihr Blick wieder zu der Blume. Sie war ganz nah!
      Sie streckte die Hand nach ihr aus. Ihre Fingerspitzen berührten bereits ein Blütenblatt.
      „Was machst du da? Gib mir deine andere Hand, du bist zu schwer!“
      „Ja, mach ich… ich hab sie gleich…Moment“
      „Mach schon, du rutscht ab!“
      „Jaaahaaa! Ich hab sie…gleich..“
      „Haoqi…bitte….“
      Sie schnaufte kurz durch die Nase, und ihr Mund wurde zu einer enttäuschten schmalen Linie. Doch ließ sie ab und griff nach seiner zweiten Hand.
      Als sie wieder sicheren Boden unter den Füssen hatte, stand sie auf, und blickte auf den schwer atmenden Inuyo hinunter, der mit ausgebreiteten Armen und dämlich grinsend auf den Rücken lag.
      Sie wiederstand dem Impuls ihm in die Rippen zu treten. Sie hätte die Blume erreichen können!
      Doch als sie den Blick hob, verschlug es ihr den Atem. Sie sprang zwei drei Schritte vor und riss die Augen auf.
      „Woooa!“ War alles was sie zustande brachte. Still und ehrfürchtig stand sie eine Weile dort, bis sich zwei Hände leicht auf ihre Schultern legten.
      „Siehst du? Das wollte ich dir zeigen. Der Sonnenaufgang über dem Bambushain.“

      Am Morgen des nächsten Tages.

      Shenmi öffnete die Augen und sah sich um. Heute Morgen schien sie wieder die Erste zu sein, die aufgewacht war. Pflichtbewusst stand sie auf und tippte jedem ihrer Saalgeschwister kurz auf die Nase. Alle regten sich ungehalten.
      Sie tapste gähnend zurück zu ihrem Lager und zog die Trainingsrobe an. Als sie die Weste aufschlug atmete sie scharf ein und ihre flache Hand fuhr ihr über den Mund. In der Weste lag die violette Blume.
      Ruckartig schnellte ihr Blick zu Inuyo, doch dieser hatte es gerade mal geschafft sich aufzurichten, und rieb sich träge das Gesicht.
      Noch einmal blickte sie zu der Blume und musste lächeln. Schnell schob sie sie unter ihren mit Stroh gefütterten Leinensack, der als Kopfstütze diente, und zog die Weste über.
      Mit federnden Stritten folgte sie ihren Saalgeschwistern gen Trainingsplatz. Als sie an Inuyos Lager vorbei kam, gab sie ihm breit grinsend einen festen Klaps auf den kahlen Hinterkopf.
      „Na los du lahme Ente, du kommst noch zu spät!“
      Brummend und irgendwie schlaftrunken blickte Inuyo der Gruppe hinterher, während er es nun endlich auch selbst schaffte seine Weste überzuziehen.
      Die Meditationsbewegungen kamen Shenmi an diesem Morgen so leicht vor wie noch nie. Die Welt war im Fluss. Der Morgen war schön.
      Ein knapper Seitenblick auf Inuyo verriet ihr, dass mit ihm allerdings irgendetwas nicht in Ordnung zu sein schien. Seine Bewegungen waren wie immer exakt, kraftvoll und geschmeidig. Verdammter Angeber!
      Aber doch kannte sie ihn gut genug, um zu sehen, dass er arge Schwierigkeiten mit dem rechten Arm und seinem rechten Bein hatte. Er war also auch abgerutscht dieser Doofmann!
      Sie wusste nicht warum, aber ein breites Grinsen breitete sich in ihrem Gesicht aus.
      Ein Schlag in den Nacken von Meister Chang folgte unmittelbar.
      Der Morgen jedoch wurde dennnoch von Mal zu Mal zu besser.
      Beim Vollkontakttraining waren ihre Schläge kraftvoller, und ihre Tritte deutlich schneller als sonst. Hinzu kam, dass Inuyo heute Morgen müde war. Ausserdem wusste sie, dass er seinen rechten Arm sowie sein rechtes Bein ebenfalls schonte.
      Sie fühlte es. Heute war der Tag! Der Tag an dem sie ihn endlich besiegen würde!
      Eine schnelle Linke fuhr ihm in den rechten Rippenbogen, und als er zusammenzuckte traf ihn ihr Fußrücken krachend auf den rechten Oberschenkel knapp über dem Kniegelenk.
      Sie strahlte. Heute war ein so wundervoller Tag!
      Ihr Blick fiel auf sein konzentriertes Gesicht. Und ganz plötzlich gewahrte sie zwischen all ihren Gedanken dort etwas Ungewöhnliches.
      Seine Augen begannen zu funkeln, und der Hauch eines Lächelns umspielte seine Züge.
      Dann war da seine Faust. Unaufhaltsam schnellte sie auf ihren Bauch zu. Sie hatte in ihrer Euphorie die Deckung völlig vernachlässigt.
      „Dieser gemeine Hund! Das war alles geplant!“ blitzte ihr noch durch den Kopf.
      Dann explodierte ihre Welt in schillernde Funken.

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    • Teil 3

      Drei Jahre später.

      Inuyo saß auf einer Bank im Meditationsgarten des Klosters. Sein Kinn war auf seine Brust gesunken, seine Hände lagen ineinander verschränkt auf seinem Schoss.
      Er meditierte nicht. Die Finger waren regelrecht verkrampf, seine Fingerkuppen blutig, und aus der Nase tropfte stetig Blut auf das weiße Hosenbein seiner Kutte.
      Seine Zähne knirschten vor überschäumender Wut. Dieses verdammte Miststück. Warum konnte sie ihn nicht einmal, wenigstens für einen einzigen Tag in Frieden lassen. Ständig ging sie ihm auf die Nerven. Reizte ihn mit bescheuerten Fragen. Das machte sie doch absichtlich um ihn zur Weißglut zu treiben. Niemand konnte von Natur aus so entsetzlich nervig sein!
      Und dann dieses dämliche besserwisserische Getue. Ich weiss es aber besser als du, ätsch.
      Seine Fingergelenke begannen vor Anspannung bei diesem Gedanken zu knacken, ebenso wie seine aufeinander mahlenden Zähne. Wenn sie ihm doch einfach nur aus dem Weg gehen würde.
      „He Inuyo, Meditierst du?“ Tian, einer seiner vier Saalgeschwister kam auf ihn zu. Als er Inuyos Zustand sah, zuckte für einen Moment ein Feixen über sein Gesicht. Nur kurz. Er war, was seine Disziplin anging außerordentlich talentiert.
      „Meine Güte, schon wieder? Das wievielte Mal ist das nun schon allein diesen Monat? Das sechste Mal? Heilen eure Verletzungen überhaupt bevor ihr euch wieder gegenseitig verprügelt? Ich meine die Meister lassen euch ja schon nicht einmal mehr beim Training gegeneinander antreten, weil permanent Blut fließt. Offenbar braucht es mittlerweile nicht einmal mehr das Training, damit ihr euch zusammenschlagt.“
      „Halts Maul Tian! Halt. Einfach. Dein. Maul!“
      „Ho!“ Tian hob beschwichtigend die Hände. „Wer bin ich denn schon, den großen Inuyo in seiner Regeneration zu stören!“
      Tian wich lachend einem faustgroßen Kieselstein aus, der genau auf seinen Kopf zugeflogen kam.
      „Schon gut schon gut! Schmoll halt weiter. Wir sehen uns beim Abendessen. Ich bin gespannt wie Shenmi aussieht!“
      „VERPISS DICH ENDLICH!“
      Ein leises Räuspern lies Inuyo zusammenzucken. Sämtliche Farbe wich aus seinem Gesicht, und er blickt sich ganz langsam um.
      Meister Dang schaute zu ihm hinunter. Seine Miene dabei wie stets völlig ausdruckslos und gelassen.
      „Wir werden uns nun einen Moment unterhalten.“ Die Stimme duldete nicht den Hauch eines Widerspruchs.
      „Wisse, dass wir diese Gespräche für gewöhnlich erst führen,wenn die Novizen deutlich älter sind als ihr. Dennoch, eure Taten machen deutlich, dass es nun an der Zeit ist. Folge mir. “

      Es war ein langes verstörendes Gespräch gewesen. Über Entscheidungen, die zeigen würden, ob er bereit sein würde den Weg in diesem Kloster fortsetzen zu können oder nicht. Über Prüfungen, die alles bisher Bekannte in den Schatten stellen würden. Über Veränderungen und eine gänzlich neue Art zu denken.
      Was hatte das alles zu bedeuten? Und warum hatte Meister Dang behauptet, dass sie dieses Gespräch angeblich Jahre früher als gewöhnlich geführt haben? Deutlich älter als wir. Wir! Es schien also auch Shenmi zu betreffen.
      Verwirrt auf einem seit langem vertrauten Kiesel hockend, lies er Bambussplitter in den Wasserlauf fallen. Hier war er allein. Seit zwei Jahren war er nicht mehr hier gewesen.
      Es war ihm egal. Sollten die Prüfungen doch härter werden! Sollten doch alle glauben, dass er dem nicht gewachsen war! Er würde es ihnen schon zeigen. So wie immer! Wann war es denn einmal einfach gewesen? Wann hatte er denn mal nicht für etwas kämpfen müssen? Wann…
      Ein kleiner Bambussplitter flog über seine Schulter hinweg zu den seinen ins Wasser. Oh nein….
      „Hallo Inu.“ Shenmis Stimme war leise. Ungewöhnlich leise. „Darf ich…möchtest du lieber allein sein, oder darf ich mich dazu setzen?“
      Gerade wollte er ansetzen ihr nur allzu deutlich zu sagen, was sie lieber tun solle, doch schloss er den Mund, als er sich umblickte und sie ansah. Ihr Gesicht war geschwollen, ihre Haare durcheinander. Eigentlich genau so, wie er sie zugerichtet hatte. Doch ihr Blick…Er musste schlucken und sah zurück zu dem Wasserlauf. Er nickte.
      Sie saßen lange schweigend da. Die Sonne war untergegangen, das Abendessen hatten sie längst verpasst.
      „Ich habe Angst.“ murmelte Shenmi.
      „Warum?“
      „Meisterin Chang hat mit mir gesprochen. Über Dinge…. Sie sagte, dass ich die Ausbildung vielleicht nicht schaffen könnte. “Sie zog die Nase hoch. „Ich habe Bauchweh, wenn ich darüber nachdenke, dass ich hier versagen könnte. Das all das Training hier umsonst war. Was soll ich denn machen, wenn ich nicht mehr hier sein darf?“
      „Meister Dang hat mir das Selbe erzählt. Hast du denn das alles verstanden?“
      „Nein. Es hat mich blos verwirrt.“
      „Mich auch.“
      Es wurde kalt. Doch eine weiter halbe Stunde verging, ehe das Schweigen abermals gebrochen wurde.
      „Shenmi, weiss du was?“
      „Hm?“ Sie blickte auf, und ihre geschwollene aufgesprungene Lippe versetzte ihm einen Stich.
      „Wir schaffen das!“
      „Woher willst du das denn wissen?“
      „Weil wir bisher alles geschafft haben. Alles! Wir werden es den Meistern schon zeigen! “ Inuyos Stimme sprühte vor Zuversicht. Eine Zuversicht, die er nicht im Mindesten empfand.
      Shenmi blicke Inuyo eine Weile an. Dann nickte sie zögernd.
      „So wie damals bei Juan! Sie hatten keine Chance gegen uns zusammen!“ ereiferte er sich weiter.
      „Oder wie diese Meditationsübung. Meisterin Chang hatte mich schon fast aufgegeben.“ Shenmi schob ihre Unterlippe über die Oberlippe.
      „Genau! Aber du hast es doch geschafft“
      „Weil du mir geholfen hast.“ murmelte sie und kratzte sich dabei an der Nase.
      „Und wie war das bei dieser Kalligraphie?“ fuhr Inuyo unbarmherzig fort „Ich habe zwei Pinsel vor Wut zerbrochen.“
      „Ja, das war ganz schön doof von dir. Ich musste die Halter erst wieder zusammenbinden um dir zu zeigen wie man die Zeichen richtig schreibt.“ Ein Lächeln keimte in ihrem Gesicht auf.
      „Genau!“
      Dann wieder Stille.
      „Du Inu?“
      „Ja?“
      „Lass uns nicht mehr streiten ok? Ich find das doof, und irgendwie macht mich das traurig.“
      Inuyo brumme zustimmend. „Ist gut. Von mir aus. Aber nur, wenn du nicht mehr so schrecklich nervig bist.“ erwiderte er gütig.
      „Ich bin nicht nervig! Du bist bloß unglaublich dumm! So sieht das aus!“
      Inuyo warf ihr einen finstern Blick zu. Er wollte ihr gerade eine verpassen, doch sie streckte ihm die Zunge heraus, als hätte sie genau das erwartet. Es lies ihn zögern, und er senkte seine Faust wieder.
      Sie hatte nicht einmal gezuckt als er ausgeholt hatte.
      Mit leicht beschämten Gesicht sah er wieder gen Wasserlauf.
      Ihr Ellenbogen fuhr ihm in die Seite. Leicht. Beinahe hätte er es gar nicht gespürt.
      Inuyo sah verwundert zu Shenmi und gab ihr einen richtigen Ellenbogenstoss, sodass sie auf die Seite fiel.
      Sie funkelte ihn wütend an, rappelte sich auf, und sprang auf ihn zu. Er hob blockend die Arme an, doch half dies nicht gegen eine einfache aber feste Umarmung.
      „Wir schaffen das. Zusammen wie damals!“ Shenmis Stimme war durch seine Weste kaum zu hören.
      Irgendwie ist das angenehmer als sich zu schlagen schwirrte es ihm durch den Kopf.
      Und irgendwie machte eben dies den vor ihnen liegenden Weg nur noch um ein Vielfaches schwieriger.
      Doch die Prügel die sie am nächsten Morgen gemeinsam von Meister Quan bezogen, weil sie zu spät und völlig übermüdet zum Training erschienen, schmerzten nicht einmal halb so sehr wie sonst.

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    • Teil 4

      Drei Jahre später

      Konzentriert und in sich gekehrt streckte Inuyo den Arm aus. Die Muskeln darin angespannt. Wartend. Mit einem lauten Schrei schlug Shenmi einen handgelenkdicken Stab auf den ausgestreckten Unterarm.
      Ein dumpfer Aufschlag folgte, doch prallte der Stab wieder zurück.
      Inuyo seufzte. Das war bereits der vierte Versuch. So langsam tat es wirklich weh.
      „Shenmi! Verdammt! Nun schlag endlich fest genug zu!“
      „Was? Ich schlage fest genug zu! Dein Arm ist blos so weich wie Reisbrei! Konzentrier dich lieber!“
      „Red keinen Unsinn! Du schlägst nicht fest genug zu!“
      „Wohl!“
      Meister Quan trat zu ihnen. Sein Gesicht wie stets ruhig, doch seine Arme waren auf der Brust verschränkt. Ein schlechtes Zeichen. Ein sehr, sehr schlechtes Zeichen.
      Er nahm Shenmi den Stab ab, und reichte ihn Inuyo.
      Die beiden wechselten die Position. Shenmi schloss die Augen und vollzog die fokusierenden Atemtechniken. Schließlich lehnte sie den Oberkörper um neunzig Grad zurück und streckte ihr rechtes Bein schräg nach oben in die Luft.
      Ohne die kleinste Regung stand sie da wie eine Statue.
      Inuyo betrachtete das Bein, möglicherweise etwas länger als notwendig gewesen wäre und musste schwer schlucken. „Na dann…“ ging es ihm durch den Kopf.
      Der Stab brach an diesem Morgen nicht.
      Und als ihre Saalgeschwister das Frühstück einnahmen, standen Shenmi und Inuyo auf ihren Köpfen. Die Füße kerzengerade in die Luft gestreckt.
      Sie hatten die Anweisung erst wieder aufzustehen, wenn ihre Geschwister das Frühstück beendet hatten.
      Seltsam, dass diese bei diesen Gelegenheiten stets so lange brauchten, bis ihre Schalen geleert waren.

      Mit leerem Magen begaben sich Shenmi und Inuyo an diesem Vormittag zum Vollkontakttraining.
      Shenmis Augen glühten förmlich vor Enthusiasmus und Tatendrang. Sie konzentrierte sich darauf Inuyos Schlägen auszuweichen, bevor sie zum Gegenangriff ansetzte. Doch irgendwie wollte es ihr nicht gelingen.
      Ihr Hunger lenkte sie ab. Genau. Der Hunger! Das musste es sein. Eigenartig. Sie hatte überhaupt keinen Hunger, fuhr es ihr durch den Kopf.
      Ein fester Schlag traf sie kraftvoll auf die Brust.
      „AU! MANN!“
      Mit wütendem Gesicht riebt sich Shenmi die getroffene Stelle. Inuyo ging zurück in die Ausgangsstellung, und er spürte wie seine Ohren rot wurden. Sie war aber auch die letzten Monate empfindlich geworden, wenn er sie dort traf….
      „Was glotzt du so du Idiot!“ fuhr ihn Shenmi an. Ihre Augen sprühten vor Wut. Sie sah so unglaublich niedlich aus, wenn sie so schaute. Verwundert über seine eigenen Gedanken räusperte sich Inuyo und machte sich bereit für ihren Angriff.
      Ihre Saalgeschwister betrachteten tuschelnd und grinsend ihren Kampf.
      „Idioten“ dachte Inuyo. „Sollen sie sich gefälligst um ihren eigenen Kra…“
      Plötzlich explodierte seine Welt, und ein übler Schmerz durchfuhr die linke Seite seines Gesichts. Etwa einen Meter schlidderte er über das grobe Pflaster, ehe er sich der Welt wieder bewusst wurde.
      Shenmi hatte ihm mit voller Wucht ihren Fußrücken gegen die Schläfe getreten.
      „Du Vollidiot! Pass doch auf!“ hörte er Shenmi schreien.
      Er öffnete die Augen und konzentrierte sich, um eine der beiden schreienden Furien aus seinem Blick zu vertreiben.
      „Schon gut, schon gut. Alles in Ordnung.“ Er stemmte sich auf die Beine, doch die Welt schwankte noch ein wenig. „Nicht so schlimm.“ entwarnte er. Doch sein Kreislauf war anderer Meinung, und verdeutlichte ihm dies mit Dunkelheit.
      Den zweiten Aufschlag auf das Steinpflaster spürte er gar nicht mehr.
      Als ihre Saalgeschwister ihr Mittagessen einnahmen, waren Inuyo und Shenmi mit Liegestützen beschäftigt. Erst auf fünf Fingern, dann auf vieren, zuletzt nur noch auf einem und einer Hand auf dem Rücken.
      Es wurden viele, viele Liegestützen, ehe ihre Saalgeschwister ihre Schalen geleert hatten.

      Meisterin Chang führte sie am Nachmittag in einen kargen Raum. Darin stand lediglich ein niedriger einfacher Holztisch. Sie trat hinter diesen Tisch und setzte sich auf den Steinboden.
      Mit einer Hand deutete sie den beiden Novizen sich zu setzen.
      Sie folgten der Aufforderung ohne zu Zögern.
      Auf dem Tisch lag ein Holzkreis. Der Kreis war in drei völlig gleichgroße leicht geschwungene Teile aufgeteilt. Der oberste Teil rot, links unten weiss, rechts unten schwarz.
      Das Zeichen des Zhúlínklosters. Jene Farben, die sich auch auf ihren Roben wiederfanden. Die Nonnen schwarz, die Mönche weiss, und beide mit roten Verzierungen. Das Zeichen von Yuo, Oyu und Uoy.
      „Ihr habt euer Gleichgewicht verloren.“ Meisterin Chang legte den Zeigefinger auf den Holzkreis, und schob den schwarzen Oyuteil zu Shenmi, sowie den weissen Uoyteil zu Inuyo.
      Beide Teile drehte sie um einhunderachzig Grad, und führte sie anschließend zwischen den beiden Novizen wieder zusammen. Die beiden runden Enden der Teile passten freilich nicht mehr zusammen.
      „Ihr seid nun in einem Alter, in dem Oyu und Uoy nicht mehr selbstständig miteinander harmonieren.“ Die Meisterin nahm die Hände zurück und legte sie in ihren Schoss.
      „Die Zeit ist nicht mehr fern, in der ihr euch fragen müsst, ob ihr diesen Zustand akzeptiert, oder aber die Mühe auf euch nehmen wollt Fangshe Tié, dem ehernen Weg zu folgen.
      Wisset, dass keine der beiden Optionen richtig oder falsch ist. Lediglich das Ziel ist ein anderes. Glück könnt ihr in beiden finden. Doch Transzendenz liegt am Ende eines Einzigen.“
      Meisterin Chang musterte die beiden Novizen eine Weile, stand auf und verlies den Raum.
      Als sich die Tür hinter ihr schloss blickte Inuyo zu Shenmi. Ihr Blick war konzentriert auf die Holzteile gerichtet. Er musste lächeln.
      Wenn es um die Lehre des Wegs ging, war sie stets so diszipliniert, und konzentriert. Und ihre Haare rochen nach dem Training immer so gut….
      Shenmi spürte Inuyos Blick auf sich ruhen. Ruckartig stand sie auf. „Los, wir gehen Meditieren.“ Ihre Schritte aus dem Raum glichen einer Flucht.

      Sie gingen gemeinsam zu ihrem Bachlauf. Der Ärger, den sie auf Grund ihres Fehlens bekommen würden war ihnen völlig gleichgültig. Wortlos ging jeder seinen eigenen Gedanken nach.
      Sie stellten sich auf, und begannen eine der vielen Meditationsbewegungen. Ohne Absprache, ohne es zu wagen den anderen auch nur ein einziges Mal anzusehen.
      Sie vollendeten die Form ohne Unterbrechung, krampfhaft darauf bedacht keinen einzigen Gedanken an den anderen zu verschwenden.
      Ein Beobachter hätte das Resultat der beiden Bewegungsformen für zwei völlig unterschiedliche Abläufe gehalten.
      Am Ende standen sie dicht nebeneinander, die Arme an die Seiten angelegt, die Blicke auf den Boden gerichtet. Den Kopf leicht in eben die Richtung gedreht, in die der andere gerade nicht blickte.
      „Was machen wir denn nun?“ Shenmi drehte sich mit einem Ruck zu Inuyo.
      Als er ihr in die Augen blickte, und die Mischung aus Wut und Verzweiflung darin sah, verwandelte sich sein Magen in Talnebel vor dem Morgengrauen.
      „Was? Warum glotzt du mich so an? Lass das!“
      Als Shenmi wiederum den Blick in seinen Augen sah, und das Mitleid, den Wunsch Halt zu geben wahrnahm, verwandelten sich ihre Beine in brechende Felsnasen über pechschwarzen Schluchten.
      Er machte zögerlich einen Schritt auf sie zu. Dann noch einen. Sie konnte seinen Atem auf ihrer Wange fühlen. Und darunter nur allzu deutlich ihren eigenen viel zu schnellen Puls.
      Er setzte an noch einen Schritt zu tun.
      „Inu. Bitte….“ Ihre Stimme war nicht mehr als ein Wispern.
      Inuyo spürte, wie sich ihre Hände auf seine Brust legten. Es machte den Anschein, dass diese Geste dazu dienen sollte ihn auf Abstand zu halten. Ihn gar fort zu schieben.
      Doch die Hände waren völlig kraftlos und zitterten. Eher klammerten sie sich an seine Robe um nicht wieder hinunterzufallen.
      „Wenn du jetzt auf dem Weg stolperst…“hauchte Shenmi leise „dann falle ich ebenfalls.“
      Er blieb stehen. Sein Hauch auf ihrem Hals blieb. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, und ihre Hände krallten sich in seine Weste.
      Sie sah es nicht, doch sie spürte wie sich seine Hände auf ihre Fäuste legten. Leicht, sicher, bestimmt. Sie blieben dort liegen, doch trat er einen Schritt zurück.
      Als sie die Kraft fand aufzublicken sah sie ihm in die Augen. Sie hatte das Gefühl darin zu versinken, sich selbst zu verlieren, und ganz plötzlich nahm sie die Spiegelung in seinen Augen wahr.
      Sie sah sich Selbst.
      Und ein Funke von Verständnis durchfuhr sie. Oyu, Uoy. Die beiden Teile, die nicht mehr zusammenpassten.
      Uoy stand nicht für Inuyo und Oyu stand nicht für sie selbst!
      Nicht die Harmonie zwischen ihnen hatte sich verändert. Sie selbst waren der Grund für das Ungleichgewicht.
      Sie beide suchten verzweifelt den scheinbar fehlenden Teil ihres Selbst im Gegenüber.
      Um wieder vollständig zu sein. Um sich geborgen und sicher zu fühlen. Wie damals, als sie noch im Gleichgewicht lagen. Aber das….
      Es war nicht falsch, aber der völlig falsche Ansatz! Oyu sowie Uoy waren in ihr selbst! Sie waren da, doch Oyu war in den letzten Jahren so stark in ihr gewachsen, dass es das Uoy in ihr beinahe verdrängt hatte.
      Und unterbewusst hatte sie Uoy in Inuyo gesucht.
      Das Uoy, dass wiederum so stark in Inuyo gewachsen war, hatte sein Oyu beinahe vollständig verdrängt.
      Sie musste nur sich selbst wieder ins Gleichgewicht bringen!
      Shenmi sah nicht einmal den Ansatz einer Lösung für dieses Problem, aber endlich, endlich konnte sie ein Problem benennen. Es verstehen. Und somit auch angehen!
      Strahlend von dieser Erkenntnis sah sie in Inuyos Augen. Und dieses Stahlen, dieser winzige Funke von Yuo dem dritten Teil, der sie in diesem Moment durchfuhr, übertrug sich offenbar auch auf ihn.
      Und seine Augen füllten sich langsam mit dem Hauch von Verständnis.
      Gleichzeitig machten sie einen Schritt aufeinander zu und schlossen sich fest in die Arme. Das Kinn auf die Schulter des anderen gelegt.
      Atem und Herzschlag war viel zu schnell, viel zu wild und ungebändigt, doch in diesem Augenblick, diesem kurzen Moment endlich wieder völlig synchron.
      So wie damals. So wie zu der Zeit, als ihr eigenes Oyu und Uoy noch in völliger Harmonie miteinander lagen.
      Sie mochten innerlich noch für viele Jahre im Ungleichgewicht liegen, und so bald keine Lösung für das Schaffen eines Gleichgewichts vor Augen haben, doch wussten sie nun, gemeinsam lagen sie in ihrem Ungleichgewicht völlig in Waage.
      Und sie verstanden, dass sie, egal wie sehr sie an ihrem Oyu und Uoy arbeiten, daran zerrten, es drehten und formten, ihre gemeinsame Waage die Bewegung des anderen kompensieren würde.
      Auf diese Weise, gemeinsam, würden sie niemals stolpern oder gar fallen können.
      Und so taten sie den ersten Schritt. Den ersten Schritt gemeinsam auf dem ehernen Weg Fangshe Tié.
      Und noch viele, noch viel schwerere würden folgen müssen.
      „Inu?“
      „Ja?“
      „Ich habe schrecklichen Hunger!“

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